Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 86 (5.11.1885)
- Date
- 1885-11-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1471 erhoben, das vermeintliche Verbrechen ihres Sohnes, auf den sie stets mit berechtigtem, mütterlichen Stolze geblickt, nagte au ihrem Herzen, von Tag zu Tag schwand sie mehr dahin. Rosa pflegte sie mit der sich ganz hingebenden Zärtlichkeit, deren das zartgesinnte Mädchen fähig war. Auch ihre ehemals stets frischen, rosigen Wangen waren jetzt lilienweiß, seit jenem schrecklichen Tage hatte kein Lächeln ihr holdes Antlitz erhellt. Der Einzige, der zuweilen Leben in den trüben Kreis brachte, war der kleine Fritz, dessen kindlicher Frohsinn jedoch auch durch die Krankheit der Mutter herabgestimmt war. Adele, die tagtäglich kam, um sich nach dem Befinden der Mama, wie sic sie noch immer nannte, zu erkundigen, nahm ihn zuweilen mit sich, daniit er draußen im Garten mit den kleinen Steinhard's sich tummele. Bei einer derartigen Gelegenheit hatte der .Kleine ihr erzählt, wie er Eduard chr Geburtstagsgeschenk überbracht, und wie der große Bruder ihr Bild geküßt und darüber geweint Habe, und wie, ehe er fortgegangcn, Eduard ihn in seine Arme geschlossen und so fest gedrückt, und ihn dann auf die Stirn geküßt habe. Adele wußte vermuthlich selbst nicht, was sie that, aber sie schloß nach dieser Mittheilung den kleinen Plauderer in ihre Arme und hauchte einen .Kuß auf seine Stirn. „Jetzt hast Du cs grade so gemacht wie Eduard," rief der.Kleine und sprang lachend davon. Der Verkehr mit Adele war für Rosa eine wirkliche Wohlthat; sie konnte cs nicht begreifen, daß die Eltern an die Schuld des Bruders glaubten, obgleich sic wußte, daß Eduard selbst sich derselben angeklagt. Aber sie kannte ihn, sie wußte mit Bestimmtheit, daß er, sei cs aus was für einem Grunde, einer ehrlosen Handlung unfähig war. Warum er sich derselben angeklagt, das vermochte sie freilich weder zu ergründen, noch auch nur zu ahnen, dennoch hatte sic keinen Moment daran geglaubt, und Adele dachte wie sic. Wenn sie nur auch der Mutter diese lleberzcuguug hätte beibringcn können, sicherlich, sie wäre sofort genesen. Aber Frau Kornfeld hielt sich au seinen Brief, hatte er sic doch um Verzeihung gebeten, daß er Schande über sie gebracht - das vermochte sich Rosa auch nicht zu erklären, aber das Unmögliche vermochte sie dennoch nicht zu glauben. — Wenn sie zuweilen mit km Vater darüber sprach, dann zuckte dieser mit schmerzlichem Seufzer die Achseln. Die Sache lasse sich nur in einer einzigen Wejse erklären, daß sein unglücklicher Schn in eineru Anfalle von Geistesstörung gehandelt. Adele befand sich auf dem Heimwege von ihrem täglichen Krankenbesuche, als Herr Steinhard ihr begegnete und an ihrer Seite ihrem gemeinschaftlichen Wohnhause zuschritt. „Sie waren bei Kornfeld's, wie geht es der armen Frau, liegt sic noch immer?" „Freilich, freilich," entgegnete Adele schmerzlich seufzend. „Ach, die arme Mama, cs hat sic allzu hart getroffen. Wenn Eduard das bedacht hätte —" „So hätte er anders gehandelt, glauben Sie? — Möglich, daß Sie recht haben. Doch gegen ein fa.it accompli läßt sich nichts machen." „Muß es denn ein fait accompli bleiben?" fragte Adele leise. Steinhard blieb unwillkürlich stehen und blickte seine jugendliche Begleiterin mit seinen großen lebhaften Augen forschend an, dann schritt er jedoch ruhig weiter an ihrer Seite, als hätte er ihre Frage überhört. „Die arme Mama! —" fuhr Adele in demselben leise bebenden Tone fort. „Sie glaubt au die Schuld ihres Sohnes! — an Eduards Schuld! — und diese vermeintliche Schuld des Sohnes lastet wie ein Gewissensbiß aus dem schwergeprüften Mutterherzen — als hätte sie selbst das Verbrechen begangen. — Beständig spricht sie von Eduards seltenen Anlagen, von seiner Hochherzigkeit, seinem Edelmuth, seiner Gewissenhaftigkeit, die er bei mannigfachett Anlässen schon als kleines.Kind bewiesen. — Und wenn man ihr dann zustimmt, ihr in Allem beipflichtet, dann kommt das Facit: Wenn ein solcher von Natur aus edler, hochherziger, gewissenhafter Mensch ein Verbrechen begehen kann, dann hat das einzig und allein seine Erziehung verschuldet, dann fällt seine Schuld einzig und allein aus seine Erzieher, in diese«! Falle ans die Mutter, denn der Vater hat sich bekanntlich nie um die Erziehung seiner Kinder gekünnnert. — Und da können Sie reden, was Sie wollen — sie martert sich fort und fort und schwindet zusehends von Tag zu Tag dahin." Steinhard hatte ihr schweigend zugehört, nur hin und wieder hatte er den Kopf geschüttelt. „War Kornfeld schon zu Hause'?" fragte er endlich. „Als ich fort ging, noch nicht. Rosa sagte, er bliebe jetzt immer bis sieben im Vürean." Steinhard blickte aus die Uhr. „Da könnte ich ihn am Ende jetzt grade treffen. Ergebener Diener, liebes Fräulein!" Er grüßte und eilte hastigen Schrittes den Weg zurück, den er soeben gekommen. Adele blickte ihm verwundert nach. Was mochte er Vorhaben? Steinhard war eben in die Neuthorstraße eingebogen, als er an dem entgegengesetzten Ende der-