Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 85 (2.11.1885)
- Date
- 1885-11-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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/ 1455 bei den Paffanten nach den Eltern des Kindes. Es war ein schmutziges Kind, von eleubeit Lumpen kaum bedeckt. Es schrie und zappelte, als ob es gespießt werden sollte. Diejenigen, bei denen er sich erkundigt hatte, konnten ihm keine Auskunft geben, riethen ihm jedoch, es ans den Fußpfad niederzusetzen, dort würde die Mutter es schon finden. Der junge Mann, der es soeben vor dem Zerttetenwerden gerettet hatte, schüttelte den Kopf, er blickte um sich und ging dann mit dem noch immer schreienden Kinde im Arm hinüber, dorthin wo das Cottage-Viertel beginnt, man kann es von hier aus sehen. In vier Häuser sah ich ihn eintreten und wieder herauskommen, erst im fünften muß er die Eltern des Kindes gefunden haben, dort hat er wenigstens den kleinen Schreihals gelassen. — Seit jenem Movicut steht das Bild des jungen Mannes unaufhörlich vor meinem inneren Auge. — Auch Nanette hatte ihn gesehen, und da sie nicht wußte, daß ich gleichfalls Zeuge des Auftritts gewesen, berichtete sie ihn mir auf's Genaueste, plauderte den ganzen Tag von dem schönen, jungen Mann mit dem schmutzigen, kleinen Kind im Arm, und erkundigte sich schließlich nach seinem Namen." „Und seitdem haben Sie ihn nicht mehr gesehen?" fragte Steinhard. „O, ich sehe ihn täglich, täglich zur selben Stunde geht er hier vorüber, und ich verfehle nie zu dieser Zeit in der Nähe des Fensters zu sein — doch er hat sich noch nie hierher gewandt, und darum bezweifle ich sehr, daß er mich je gesehen." „Dann begreife ich aber in der That nicht, wie Sie von Verschmähtwerden reden können." Sie zuckte die Achsel». „Kann mau denn nur dasjenige verschmähen, was inan gesehen hat? —" Nach kurzer Pause fuhr sie fort. „Vor einigen Wochen kam ein Heirathsvermittler zu mir, wie er sagte, im Aufträge eines jungen, schönen, reichen Mannes, der sich vermuthlich in meine Millionen verliebt hat. Daß ich auf seinen Antrag nicht eingegangen bin, werden Sie begreiflich finden. Vielleicht weniger begreiflich, aber dennoch erklärlich dürfte es Ihnen erscheinen, daß ich den Vermittler aufgefordert habe, eine Verbindung zwischen mir und dem jungen Kornfeld zu vermittele». Der Betteffende war über meine Aufforderung ebenso erstaunt als erfreut, denn er hielt es für geradezu undenkbar, daß irgend Jemand nicht mit beiden Händen zugreifen sollte, wenn ihm ein derartiger Vorschlag geniücht würde. Nach einiger Zeit kam er jedoch wieder zu mir und berichtete, daß er wiederholt versucht, mit dem jungen Kornfeld über die Sache zu reden, daß dieser ihn jedoch nicht habe anhören wollen. Er habe trotzdem die Sache nicht ausgegeben, habe-deshalb mit dem Vater des jungen Mannes darüber gesprochen und dieser habe chm die beste Hoffnung gemacht, habe jedoch den Wunsch ausgesprochen, persönlich mit mir in Verkehr zn treten. — Vorige Woche habe ich den alten Kornfeld empfangen — ich muß gestehen, er hat keinen besonders günstigen Eindruck auf mich gemacht. Er versicherte zwar, sein Sohn brauche mich nur ein einziges Mal gesehen zu haben, um sich für den Glücklichsten der Sterblichen zu halten, indessen — doch ich will Ihnen nur das Facit unserer Unterredung mittheilen. Ich habe ihm erklärt, daß ich meinem künftigen Gatten unumschränktes Verfügungsrecht über mein Vermögen cinräumen werde. — Außerdem habe ich zngesagt, sobald sein Sohn zu der projectirtcn Verbindung mit mir sich bereit erklärt haben wird, dem Vater 30,000 Gulden zu übergeben." Ein halblautes „Ah!" entfuhr Steinhards Lippen. „Der Herr selbst fand diese Bedingung seinerseits allerdings nicht sehr passend, er entschuldigte sich auch und bat, ich möchte ihn nicht im Allgemeinen für so überaus interessirt halten — er habe jedoch in den nächsten Tagen eine Schuld im ungefähren Betrage der angegebenen Summe zn entrichten —" „Das hat er gesagt!" rief Steinhard aufspringend. „Clementine, wo hatten Sie Ihren sonst so klaren Kopf, Ihren haarscharfen Verstand, daß Sie auch nur einen Moment glauben konnten, Eduard Kornfeld habe sich einer ehrlosen Handlung schuldig gemacht? Daß Sie nicht sofort die Sachlage durchschaut?" Sie blickte ihn betroffen an. „Wie? — Sie glauben daß —" „Daß der Sohn sich für den Vater geopfert hat. — Kein Zweifel. Bisher ahnte ich es nur; Ihre Mittheilung hat meine Ahnung zur festen Ueberzengung gestempelt." „Entsetzlich!'* murmelte sie in sich erschaudernd — „so verachtet zu werden! — ich biete ihm Millionen, doch bevor er sich entschließt, auch nur mich kennen zu lerne» — lieber erklärt er sich als Verbrecher, und entflieht —" Sie bedeckte das erglühende Antlitz mit ihrem Tuche. Steinhard war in heftiger Erregung einige Mal durch's Zimmer gegangen. „Der junge Mann hat groß gehandelt! — wahrhaft groß. — Obgleich ich nicht behaupten will, daß er recht gehandelt. - Meiner Ansicht nach darf