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Der Israelit · 1885-10-29 · Heft 84 (29.10.1885) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 84 (29.10.1885)
Date
1885-10-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXVI. Jahrgang. Erste Beilage zu Ar. 84 des Israelit. Leitender Artikel. Amerikanische Briefe, xvm. □ New-Aork, 12. Octobcr. Als mich vorige Woche mehl Weg durch eine Straße führte, bereu Einwohner mehr in den Freuden des diesseitigen Lebens als in gottesdienstlichen Verrichtungen ihr Heil suchen, wurde meine Aufnlerksamkeit aus ein neu hergerichtetes Gebäude gelenkt, an dessen Eingang die Worte: rva *rvn o c’cyn t*y' rbzn zu lesen waren; während ich noch über die Frömmigkeit der N.-Z). Glaubensgenossen, die allenthalben Gotteshäuser errichten, nachdachte und schon in Gedanken die Bewohner dieses Stadttheils beglückwünscht, weil ihnen in ihrem Distrikt ein „Reverend" bescheert wurde, war ein Arbeiter gekommen, der unter der jüdischen Inschrift eine Tafel anbrachte, die mich rasch eines Bessern belehrte. Nicht ein Tempel, in dem ein jüdischer Geistlicher den Genuß von Schweinefleisch als erlaubt hinstellte oder in dem ein Anderer Weisheitsworte verkünden sollte, war es, sondern eine „jüdisch christliche Kirche" hatte hier ihr Zelt aufgeschlagen. Der Name Misfionskirche scheint nicht mehr zu ziehen und so hat denn der Pastor der Kirche, ein Abkömmling eines getauften Juden, diesen Namen schon länger gewählt, auf den vielleicht eher Gimpel hereinfallen. Gestern fand die Einweihung statt und viele Leute, nur keine bekehrungsbedürftige Juden, fanden sich ein. Hohe und niedere Geistliche verrichteten den ganzen Tag Gebete dort, selbst ein Bischof predigte, allein die Leute scheinen den ersten Tag wie vielleicht die meisten Tage ihres Lebens ohne ihres Glaubens überdrüssige Inden beten zu müssen. Die Leute, die aus den Judenfang ausgehen, sind doch vielfach Leute, die immerhin etwas Verstand haben und es ist nickt zu begreifen, daß diese Leute nicht zu der Ansicht kommen, daß sie im besten Falle nur solche Mensche» in ihr Netz bekommen, die aus Noth und Liebe zu den Dollars hier ihrem Glauben Adieu sagen. Die Hauptsache wird die sein, daß der Pastor und etliche Freunde hierbei ein gutes Leben machen und das genügt ja. Ob wohl bei einem Jahresbericht, wie in einem andern Lande, ein getaufter Jude 25,000 Dollars kostet?! — Gegen Ende des Monats findet in Baltimore eine Eonfercnz von Rabbinern statt. Wir wollen über die zu erwartenden Leistungen nicht schon jetzt den Stab brechen; vielleicht läßt sich doch ein Prediger in der Wüste hören, um die Herren an ihre Pflichten zu mahnen. Hier wäre für Dr. Kohut der Platz zu sprechen imb den Herren unverblümt die Wahrheit zu sagen; cb er will? — Ich habe in früheren Berichten bereits erwähnt, wie kärglich es im sogenannten o b e r en T h r i l e der Stadt New-Uork mit orthodoxen Gotteshäusern bestellt ist und habe eine kleine Gemeinde angeführt, wo man noch nach den Gesetzen unserer Religion sein Gebet verrichten kann. Es existircn noch einige kleine rran; allein mir eine einzige größere Synagoge ist da, wo man ohne Orgel und sonstigen Firlefanz fertig wird und wo der Besucher noch wie vordem seinen religiösen Pflichten Genüge leisten kann. Die Synagoge der Gemeinde „barwr my", die ich im Auge habe, ist jeden Tag zweimal zum Gottesdienste offen und werden hier die Gebete noch ganz so wie in einer orthodoxen deutschen Gemeinde verrichtet. Da man roty Morgen erst später beginnt, ist dafür gesorgt, daß in einem Local des Gebäudes po für rmyn wird, und an dem dwu d»b» war das Tragen der Sterbekleider noch vielfach zu beobachten. Daß beide Tage v"' gehalten werden, ist hienach selbstredend und der Rabbiner der Gemeinde, Dr. Maisner, versteht in seinen Predigten stets den rechten Ton anzuschlagen, wenngleich natürlich nicht immer der nöthige Erfolg eintritt. Ich glaube, daß es dem Herrn Rabbiner selbst darum zu thnn ist, in Allem die alten Traditionen aufrecht zu erhalten, allein wenn auch dies nicht der Fall wäre, so ist gerade diese Gemeinde in der glücklichen Lage eine Verwaltung zu haben, die in ihrer Mehrheit mit aller Energie hiefür eintritt. Während bei den meisten amerik. Gemeinden, die Gemeinden nur zu gerne den „Vorwärtsbestrebungen" der Rabbi's huldigen, hat diese Gemeinde Männer im Vorstand, die auch nicht eine „Jota" uachgeben würden und die die Erhaltung der 'cn -vty am raty Nachmittags ebenso aufrecht zn erhalten bestrebt find, wie sie etwa einer Orgel opponiren. Wie gesagt, der Rabbiner und Gemeinde harmoniren, nnd Dr. Maisner ist sicher der Letzte, der eine Neuerung einführt; allein gut ist es immer, und zumal hier zu Lande, wenn die I Vorstände mit die Wächter des Gottesdienstes bilden. I Ein beklagenswerther Umstand ist, daß man es ver-

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