Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 84 (29.10.1885)
- Date
- 1885-10-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1431 erlaubt, unangemeldet Sie hier aufzusuchen, aber Ihre Zofe sagte mir, daß Sie ihr verboten hätten, mich zu melden; ich könnte unangemeldet kommen, wann es mir beliebt." Frau von Kleefeld erröthete leicht. „Sie haben mich vor einiger Zeit gewarnt, mehr auf meinen Ruf zu achten. — Sie haben mir mitgetheilt, daß man Böses von mir spricht, — ich wollte Ihnen zeigen, daß ich des Freundes Auge nie zu scheuen habe." „Dank Ihnen, Clementine," cntgegnete er innig. Wenn er erregt war, nannte er sie häufig bei ihrem Vornamen, wie damals als sic noch seine Schülerin war. — Wir haben es bereits erwähnt, als Herr von Kleefeld sich des vierzehnjährigen Mädchens angenommen, übergab er sie einer anständigen Familie und hielt ihr die besten Lehrer. Der Beste unter diesen war Herr Steinhard. Der Helle, klare Verstand, das warme, unverdorbene Herz, das in craffer Unwisienheit, in unlauterster Umgebung ausgewachsene Mädchen interessirte ihn. Cr lehrte sie unendlich mehr: die reinsten Lehren der Keuschhcit und der Moral. Das geistvolle Mädchen erkannte gar bald, wie unendlich sie ihm hiedurch verpflichtet war und bewahrte ihm ihren Dgnk für's Leben. Auch ihr verstorbener Gatte hatte seinen Werth erkannt, und noch in seiner letzten Stunde hatte er den einstigen Lehrer seiner jungen Frau dringend gebeten, der Verlassenen Freund und Berather zu sein. Steinhard hatte zugesagt und hatte Wort gehalten. Cr war ihr Almosenier geworden, durch seine Hand gingen alle die reichen Gaben, durch die ihr warmes Herz Roth mit» Elend lindern wollte. Doch hatte er ihr geloben rnüssen, nie ihren Namen als Spenderin seiner Gaben zu nennen. Sie war stolz auf seine Achtung, sie nahm jede Ermahnung von ihm mit kindlichen! Dank entgegen, aber sie erklärte, daß seine Achtung ihr genüge, daß sic sich um das Urtheil der Menge nicht kümmere, und darum auch den Schein der Leichtfertigkeit nicht scheue. Es that Steinhard oft im Herzen wehe, wenn er sie in anständigen Kreisen verurtheilen hörte; daß ihr in dieser Beziehung Unrecht geschah, davon war er fest überzeugt. Was ihn jedoch am meisten schmerzte, war, daß es ihm nicht gelingen wollte, in religiöser Beziehung irgend welchen Einfluß über sie zu erringen. Er hatte sie in nichtjüdischer Familie kennen gelernt, hatte sie als Nichtjüdin betrachtet und während der drei Jahre, daß er sie unterrichtete, über speciell jüdische Lehren nie mit ihr gesprochen. EH als Herr von Kleefeld sie als Gattin heiingeführt, da erst hatte er erfahren, daß sie Jüdin; während ihrer Ehe hatte sie größtentheils im Ausland gelebt, wenige Monate vor dem Tode ihres Gatten war sie mit diesem heimgekehrt. Seitdem verkehrte Steinhard zwar häufig mit ihr und hatte wiederholt versucht, die specifisch jüdischen Gesetze sie wenigstens kennen zu lehren, doch sie hatte ihn nie anhören wollen, hatte ihn jedesmal gebeten, sie mit diesen veralteten Sachen zu verschonen. Eine Pause war eingetreten. Frau von Kleefeld schien die Anwesenheit des sonst willkommenen Freundes vergessen zu haben, sie starrte träumerisch vor sich nieder und aus den weit geöffneten Angen stahl sich eben wieder ein glänzender Tropfen. Kopfschüttelnd betrachtete Steinhard die schöne Frau und begann die Verhältnisse jener unglücklichen Familie ihr zu schildern, in deren Interesse er ihre Wohlthätigkeit in Anspruch nehmen wollte. Als er geendet hatte und sie gegen ihre Gepflogenheit noch immer schwieg, erhob er sich. „Ich habe keine günstige Stunde für meine Schützlinge getroffen, ich werde mir erlauben müssen, die gnädige Frau morgen wiederum zu belästigen." „Herr Steinhard, wie können Sie so reden!" rief Clementlne sich aufraffend, „Sie mich belästigen! — und Sie wissen doch recht gut, daß ich keine glücklicheren Stunden kenne, als jene, in denen Sie mich durch Ihren Besuch erfreuen. Sind Sie doch der Einzige, der ein wärmeres Interesse an mir nimmt." Um Steinhard»Lippen zuckte es. „So spricht die gefeiertste Frau der Provinz, deren Freunde, Verehrer und Anbeter zum mindesten die Hälfte der eleganten Welt umfaßt?" „Und halten Sie mich für so naiv, daß ich nicht wüßte, wem all die Freundschaft, Verehrung und Anbetung gilt?" ,,Wem sollte sie gelten, wenn nicht Ihrer Schönheit, Ihrem Geist, vielleicht iheilweise auch Ihren Millionen. Das hindert jedoch nicht —" „Daß ich verachtet werde, wo ich verehre, daß ich verschmäht werde, wo ich —" Die Sprache versagte ihr, ein heftiges Zittern durchflog ihren Körper. „Was ist Ihnen, gnädige Fran? — was haben Sie? —" „Verschmäht!" murmelte sie, „verschmäht! — Und ich liebe ihn — mit allen Fasern meines Hebens — mit allen Fibern meines Seins —" Ihr Zittern ward noch heftiger, wie im Fieberfrost schlugen ihre Zähne aneinander.