Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 78 (8.10.1885)
- Date
- 1885-10-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XXVL Jahrgang. SeUazr ju Nr. 78 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Im Verlage vonRodbert Oppenheim in Berlin erscheint eine „Geschichte der Literatur der europäischen Völker." Bereits ist der erste Theil der Geschichte der englischen Literatur und der erste Band der Geschichte der italienischen Literatur herausgegeben worden. Heute liegt uns das erste Heft der Geschichte der jüdischen Literatur zur Besprechung vor. Mt der Abfassung derselben wurde Herr Dr. Gustav K arpeles betraut. Der Name des Autors ist vielen älteren Lesern dieser Zeitschrift wohl noch erinnerlich. Bis vor ungefähr 16 Jahren war derselbe ein fleißiger Eorrcspondent des „Israelit," dann gründete er im Vereine mit dem verewigten Dr. Holländer die „Jüdische Presse," deren Mitredakteur er einige Jahre blieb, bis er die Redaction einer großen politischen Zeitung in Breslau übernahm. Seitdem haben wir nichts von ihm vernommen, bis er uns heute wiederum auf jüdisch-literarischem Gebiete eutgegentritt. Zu unserem größten Bedauern ersehen wir aus dem vorliegenden Hefte, daß Herr Dr. Karpeles nicht mehr auf dem Boden des orthodoxen Judenthums steht. Im Uebrigeu ist das Buch mit großer Pietät für das heilige Schriftthum und die große Bedeutung unseres Volkes geschrieben. Der Verfasser theilt den reichen Stoff in sechs Perioden: 1) die biblische Literatur, 2) die jüdischgriechische, 3) die talmudische, 4) die judisch-arabischspamsche, 5) die rabbinssche und 6) die jüdische Literatur der Neuzeit. Dem ersten Hefte ist der Prospect beigegeben, welcher anerkennende Urtheile von den Professoren Delitzsch, Ebers, Lazarus, und Steinthal enthält. Auch wir können uns über die lebhafte und anregende Schreibweise des Verfassers, sowie über die von chm gemachten gründlichen Studien nur günstig aussprechen; auch bemüht er fich in Bezug aus die Bibelkritik «neu unparteilichen Standpunkt einzunehmen. Um so mehr bedauern wir, daß er hin und wieder Urtheile abgibt, welche der Auffassung des orthodoxen Judenthums schnurstraks zuwiderlaufen. Die Ausstattung des Buches ist eine ganz vorzügliche. Der Umfang desselben wird ungefähr 60 Bogen betragen, die in 12 Liesnrmgcn L 1M. erscheinen. _ Zeitungsnachrichten und Correspondenzcu. Deutschland. Aus Baden. Der Großherzog hat bei Gelegenheit der Vermählung des Erbgroßhcrzogs Herrn Oberrath Willstätter in Karlsruhe das Eichenlaub zu dem ihm bereits verliehenen Ritterorden I. Klasse vom Zähringer Löwen hinzngesügt. Berlin, 3. October. Polizeipräsidium und Magistrat haben das zweite dringliche Gesuch der Herren Rabbiner, das Auf bl äsen der Lungen zu gestatten und so die rituelle Untersuchung des Schlachtviehes zu ermöglichen, ebenfalls abgelehnt. Die Aufregung in den betheiligten Kreisen über diese unbegreiflich schroffe Haltung der Behörden ist keine geringe. Die Blasebälge mußten schon Freitag vom Viehhofe entfernt werden, jede Ueberschreitnng wird mit 5 bis 50 Mark bestraft. Der Preis des Fleisches ist bereits gestiegen. Die hier allgemein verbreitete Ansicht, daß die Maßregel eine rein antisemitische sei, vermögen wir nicht zu theilen, doch gibt diese beharrlich ablehnende Haltung viel zu denken! Sanitäre Rücksichten können es nicht sein, da die Blasebälge nicht ansteckend sein sollen; nicht einmal die Lungen a nznkan fen oder nach der Untersuchung weg.zu werfen wollen die Behörden gestatten. Stehen wir im Jahre 1885 oder nicht? Interessant bleibt die Thatsache, daß der beün Magistrat so einflußreiche Stadtverordnetenvorsteher Dr. Straßmann, Repräsentant der Berliner jüdischen Gemeinde ist!! In Frauftadt wurde im September dkc neuerbaute Synagoge unter großer Betheiligung der isr. Gemeinde und unter Anwesenheit der Spitzen der Beamten- und Gelehrtenwelt cingcweiht. Die Herren Rabb. Groß aus Fraustadt, Dr. Böck aus Lissa und Dr. Rippner aus Glogau hielten Einweihungsreden. Aus dem Reichslande, 29. Sept. Die von dem isr. Consistorium des Bezirks Oberelsaß vorgenommene Ernennung des Rabbiners Dr. Mayer Aschkanaze aus Neustadt bei Pinne znm Rabbiner in Niedersept ist seitens des Ministeriums bestätigt worden. Die vor einiger Zeit in Straßburg verstorbene we. Cers, geborene Klein, hat der dortigen Synagoge, der isr. Gewerbeschule und dem isr- Krankenhause daselbst namhafte Legate hinterlaffen.