Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 78 (8.10.1885)
- Date
- 1885-10-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. M 78.; . I II -§entxat - @rgan für das otfßoborc Iudenthum. Hcransgcgcbcn von Di*. Lehmaun iu Mainz. Donnerstag, der» 8. Oe tobev 5«40 (1885). leitender Artikel. Y o a ch. Mainz, 6. Oktober. Der Wochenabschnitt, welcher am kommenden Sabbat verlesen wird, beginnt nrit den Worten: nn'd-n n\v. Vier Wochen später werden wir einen andern Wochenabschnitt vorlesen hören, der da anfangt mit den Worten: mbm nb«. Da in unserer heiligen Thora kein Buchstabe ohne Bedeutung, so muß man erörtern, warum hier das Waw fehlt, oder warum es dort hinzugefügt ist. (5s war eine schreckliche Zeit, die der zweite Stammvater der gcsammtcn Menschheit zu durchleben hatte. Die vorsündflnthlichcn Geschlechter waren in vielfacher Beziehung vor den spater» Menschen ausgezeichnet. Hoher Körperwuchs, kräftige Gestalt, unerschütterliche Gesundheit, lange Lebensdauer, unverwüstliche Jugend und Schönheit verbanden sich mit geistigen Vorzügen, und so hätten jene Geschlechter ein Leben voll Freude und Frohsinn geniesten können, wenn sie ihre Leidenschaften zu zügeln vermocht hätten. Aber cs herrschten Gewallthat und Sittenlosigkeit auf Erden. Einer suchte den Andern zu unterdrücken und zu berauben, und die sinnlichen Leidenschaften führten zu abscheulichen Lastern. Eine allgemeine Verderbnis; der Sitten war ciugetretcn; nur Noach hatte sich rein erhalten. Von ihm rühmt die heilige Schrift, das; er gerecht war in seinen Thatcn pns, das; er vollkommen war in seiner Gesinnung und dast er niemals die Allgcgenwart Gottes ans den Augen verlor m ^nnn ns. Diese drei Eigenschaften retteten nicht nur ihn vom Verderben, sondern auch seine Nachkommen. Derselbe Gedanke ist von dem weisen Könige (Mischte (5. 20. V. 7) ausgesprochen worden: :vnns v» —.te« vi-na 'pnno „Wenn wandelt iu Herzensreinhcit der Gerechte, dann Heil seinen Söhnen nach ihm." Wir haben hier dieselben Ausdrücke wie in dem ersten Verse unseres Wocheuabschnittes ,pnä -£nnn d-dh. Schon haben wir durch die Uebcrsetznng den Unterschied in Bezug auf diese drei Bezeichnungen angedentet. p-r-r ist der gerechte Alaun, der das Gute thut ltiib das Böse unterlägt, der seinen Kindern als leuchtendes Beispiel vorangeht. Aber nur daun wird dieses Beispiel wirksam sein, wenn der pns zugleich ein c'Dn ist. Die wahrhafte Frömmigkeit wird sich nicht nur in Thaten und Unterlassungen zeigen, sic must vielmehr ans der vollkommen guten Gesinnung hervorgehen. Wenn die Kinder beobachten, das; der Vater in der Oeffentlichkeit als p-ar zu gelten sich bemüht, dagegen sich gehen lästt, wenn er sich unbeobachtet glaubt, so werden sie bald die Achtung vor solcher Frömmigkeit verlieren. Der Mangel an vollkommen guter Gesinnung zeigt sich in vielen Dingen, die den Meuschcu als Kleinigkeiten erscheinen. Es gibt z. B. Leute, die in der Synagoge mit groster Andacht beten, zu Hanse aber das Gebet flüchtig und nachlässig verrichten; es gibt Leute, die gern iu der Leffcntlichkeit mit Wohlthaten prunken, den unscheinbaren Armen aber mit harten Worten von ihrer Thüre weisen. Eine solche nur zur Schau getragene Frömmigkeit, die nicht der wahrhaften Gesinnung des Herzens entspringt, gewährt den Kindern kein gutes Beispiel. Wenn aber der Mensch vollkommene Herzensreinheit erlangen will, so must er sich der Allgegenwart Gottes stets bewusst sein. Dann wird er sich im engen Familienkreise ebenso benehmen, wie auf dem Forum der Oessentlichkeit. Gott, der allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, unser liebevolle Vater, zugleich aber auch unser strenger Stichler, ist immer