Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 77 (5.10.1885)
- Date
- 1885-10-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1318 Oesierr.-Ungar. Monarchie. Budapest, 14. Scpt. Die erschreckend frostige (Gleichgiltigkeit, die in einem großen Theile der vornehmen nnd nicht vornehmen jüdischen Kreise alten jüdischen Angelegenheiten gegenüber Platz gegriffen hat, sie schwindet nach und nach und löst sich zu unserer unsäglichen Freude in wohlthuendes, warmes Interesse auf. Das zeigte sich schon in einzelnen Anzeichen auch früher - am Ueberraschendstcn aber mußte dies während der soeben verflossenen hohen jüdischen Feiertage auffallen. Viele unserer Glaubensgenossen, die früher alles Mögliche anwandtcn, um nur ihre jüdische Abkunft nicht zu verrathen, ja auch solche, die früher mit sträflichem Widerwillen gegen ihre Religion erfüllt waren, hillltcn Heuer an beiden Tagen des Neujahrsfestes ihre Geschäfte geschlossen, suchten massenhaft die Gotteshäuser auf und lauschten andächtig den uralten, herzerhebenden jüdischen Gesängen und Gebeten. Uns sind Fälle bekannt, daß Leute, die seit vielen Jahren — vielleicht mit Ausnahme einer Trauung — nie die Schwelle eines jüdischen Gotteshauses überschritten hatten, sich Heuer für theures Geld Sitze anschafften, sich zur Thorah rufen ließen und Hunderte von Gulden zu verschiedenen wohlthätigen Zwecken spendeten. Die langen Reihen geschlossener Geschäfte, die Todcsstille an der Börse und in der Kornhalle, die feicrtägige Ruhe an den lebhaftesten Punkten des Handels nnd Verkehrs bestätigen zur Genüge die Wandelung, die wir hier constatiren. Die Thatsache aber, daß Heuer vierzehn Gotteshäuser*) mehr als im vorigen Jahre errichtet werden mußten, belehrt uns auch darüber, wo sich die Leute befanden, die sonst die genalmten Oertlichkeiten zu bevölkern pflegen. Wir wollen hier nicht untersuchen, was diese erfreuliche Wandelung hervorgerufen, ob eigene Einsicht, Selbsterkenntuiß oder ob die in den letzten Jahren aufgetauchte judenfeindliche Bewegung. Gewiß hat diese letztere einen bedeutenden Anthcil an der verzeichneten Besserung, und in diesem Falle hat sich wieder einmal der alte jüdische Geist bewährt, der sich gerade dann mächtig äußert, wenn ihn die Feinde von außen mit aller Macht unterdrücken möchten. Genug daß dein so ist, nnd wir verzeichnen diese Thatsache mit inniger, anftichtiger und tiefempfundener Freude. *) Im vorigen Jahre wurde — die 6 großen Gotteshäuser miteingerechnet — an 37 Stellen gebetet, Heuer an 51, und überall war es gedrängt voll. Der ungewöhnlich massenhafte Syuagogenbesuch am Neujahrsfeste hat aber auch eine andere wichtige, fast möchte ich sagen, politische Seite. Das vornehmste ungarische Organ, dessen Chefredakteur der Dichter der Nation, Moritz Jokai, ist und dem auch Ministerpräsident Tißa sehr nahe steht, brachte am 2. Tag des Neujahrsfestes unter der tteberschrift „Mutsch Horrar" (Sfein Dieustmann vorhanden) einen Artikel, in welchem die Physiognomie der hauptstädtischen Straßen und Gaffen am Neujahrsfeste geschildert wird; unter andern; heißt es in demselben: „Die Tienstmänner, diese volksthümlichen Gestalten unserer Hauptstadt, von denen sonst die Straßen und Gassen wimmeln, sie sind nicht mehr da; sie sind nicht gestorben, im Gegcntheile, sie sind auferftanden nnd haben ihre ursprüngliche Gestalt wieder angenommen. Heute ist er kein Dienstmann, sondern — Jude. Cr fühlte, daß er Mensch ist, und er legte ab seine Dienstkleidung. In feierlicher Gewandung, seine Frau an der Seite und seine . Kinder vor sich, eilte er in die Synagoge; denn heute ist das Neujahrsfest, das jeder Jude mit Andacht feiert. Tie geschlossenen Geschäfte, — so fährt der Artikel weiter fort — der matte Verkehr, die todte Börse belehren uns wieder einmal, daß der Jude der Sauerteig ist in dem schwerfälligen Teige der christlichen Klaffe. Der größte Theil der Juden kehrt eifrig zu seinem alten Gott zurück, um so eifriger, je toller der Antisemitismus wüthet." In diesen wenigen Zeilen ist die große Wichtigkeit und die Unentbehrlichkeit des jüdischen Stammes deutlich ausgedrückt, und uns freuet es doppelt, daß die strikte Einhaltung des hohen Feiertages durch die hauptstädtischen. Juden hiezu die Veranlassung bot. (Pefther jüdische Zeitung.) In der neuerbauten Synagoge in Tisza-Etzlar wurde am 6. September der erste Gottesdienst abgehalten. Die innere Einrichtung ist zwar noch nicht fertig, die Gemeinde wird nichtsdestoweniger während der hohen Feiertage ihre Andacht in demselben verrichten. Tie Freude der Gemeindemitglieder, als sie sich seit vier Jahren zum erstenmale wieder in ihrer Synagoge versammelten, läßt sich nicht leicht schildern. Tags darauf langten die von Frau David Bischktz in Pesth gespendeten prachtvollen Synagogenrequisiten ein, was eine unbeschreibliche Freude hervorrief.