Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 77 (5.10.1885)
- Date
- 1885-10-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Zweite Beilage zu Kr. 77 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschla n d. Berlin, 16. Sept.*) Die bereits angckündigte Deputation polnischer Edcllcute, welche beim Minister des Innern eine Milderung des Auswcisungsrescripres erbitten sollte, ist diese Woche hier ciugcrroffen und hat in der erhaltenen Audienz dem Minister die dringenden Wünsche der östlichen Provinzen vorgetragen. Der Minister forderte die Herren aus, ihre Vorstellungen ihm schriftlich auszuarbeiten, was noch an demselben Tage geschah. Damit ruht die ganze Angelegenheit, und, der Bescheid des Ministers mag erfolgen, wenn alle Ausgewiesencn das preußische Staatsgebiet bereits werden verlassen haben müssen, was spätestens bis zum 15. Oktober geschehen soll. Inzwischen sind von Königsberg, Memel und Posen die langersehnten Aufrufe erschienen, in denen mit dringenden Worten die schleunigste Hilfe der auswärtigen Glaubensgenossen erbeten wird. Dieses Blatt hat schon so oft seine Stimme für die Unglücklichen erhoben, das; es wohl nur dieses kurzen Hinweises bedarf, um die Leser zu thätiger Theilnahme anzuregen. Glaubensgenossen! Das Freudenfest naht heran; Tausende Eurer Brüder werden in den' nächsten Wochen hcimathlos flüchten müssen von dem Boden, aus dem sic bisher geweilt. Tausende Eurer Brüder gehen einer trostlosen und hoffnungslosen Zukunft entgegen. Glaubensgenossen! Helfet und rettet, spendet Euer Scherflein für die Unglücklichen, sendet es au eines der Eomites oder an die Redaction des „Israelit," aber schnell, recht schnell muß es geschehen und der himmlische Vater wird Euch seinen Segen spenden, und Ihr werdet mit wahrhaftem Frohsinn das heilige „Fest der Freude" begehen können. Berlin, 16 Sept. Der unlängst aus Paraguay heimgekchrtc Antisemitenhänptling Dr. Ernst Förster kündigte vor einigen Tagen in einer antisemitischen Versammlung au, daß er nächstens wieder nach „Neu-Germania" abdampfen werde. Mit ihm geht'eben dahin Herr Liebermann v. Sonnenbcrg, der „mürbe" gewordene Redakteur der jüngst *) Anm. der Rcd.: Für die vorige Nunnncr zu spät eiugelrosscn. zu ihren Vätern Heimgegangenen „Deutschen Volkszeitnng," nur in einem Lande zu wohnen, „wo man deutsch denken und deutsch reden könne." Glückliche Reise! Berlin, im September. Die „hohen Festtage" sind zu Ende. So heilig auch dieselben selbst hier noch allgemein gelten und so ernst sie begangen werden, einen um so bctrübendcrcn Eindruck gewinnt man bei einem Rückblicke auf den Apparat, mit dem hier das Fest vorbereitet und in Scene gesetzt wird. Ja, man kann ganz ruhig diesen Ausdruck aus denk Thcatcrlcben nehmen, wenn man diese Art von „Gottesdienst mit Predigt" passend charakterisircn will. In allen möglichen und unmöglichen „Lokalitäten" wird die heilige Lade errichtet. Ans «jedem Tanzboden entsteht ein Tenipel, Irgend ein unreifer Jüngling, der kaum deutsch reden kann, avancirt zum „Geistlichen," das lcierkastenähuliche Orgclgepfcife kommt hinzu — und die Komödie ist fertig. Und eine solche gewissenlose Profanisirung des Heiligsten wird gestattet vor den Augen der Behörde, vor den Augen des Vorstandes der hiesigen jüd. Gemeindet Ist es da zu verwundern, wenn im Fcstsaal des Grand Hotel, Alexandcrplatz, der Gottesdienst durch das „Hcpp-Hepp" mehrerer in einem anstostenden Zimmer kneipender Offiziere gestört und wenn am zweiten Neujahrstage bei einem Skandale die Polizei citirt werden musste? Ist cs da zu verwundern, daß in der Tonhalle nach Schluß des Gottesdienstes Hofprediger Stöcker die Kanzelpanlon das Podium betrat, so daß dieser Saal für den Versöhnungstag überhaupt geschlossen wurde? Oder ist es da zu verwundern, daß mehrere „Herren Prediger" mitten in der Rede den „Faden verloren" und thcilweise abtreten mußten, Herren, die, wie wir, um Mißverständnissen vorznbcngcn, bemerken wollen, gewissen hiesigen Rcformanftaltcn angehören! Nil mirari! Da gibt cs überhaupt nichts zu verwundern, die Zustände find unhaltbar, und die Hauptschuld trifft die Gemeinde, daß sie nicht in den verschiedenen Stadttheikn Synagogen errichtet und für einen angemessenen Gottesdienst an den Festtagen sorgt. Doch wozu Worte verschwenden? Roch ein Jahr und fettgedruckte Inserate werden uns künden: „Gottesdienst mit Predigt und Orgelbcgleitung, weihevoll wie in de» früheren Jahren." ' &