Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 77 (5.10.1885)
- Date
- 1885-10-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1307 „Wann, — ob," — der sonst so redegewandte Mann fand nicht so rasch das richtige Wort. Er räusperte sich. „Du nimmst selbstverständlich Frau v. Kleefelds hochherzigen Antrag an." Eduard preßte beide Hände gegen die bleiche Stirn, seine Lippen bebten, ohne daß sich ihnen ein Laut entrang. „Ick) begreife Deinen Schmerz," fuhr Kornfeld fort, „ich empfinde ihn mit Dir, ungleich mehr als Du, — denn das Bewußtsein, ihn verursacht zu haben, lastet nahezu zermalmend auf meinem Herzen. — Dennoch, wenn ich in Betracht ziehe, was Dir geboten wird. — Zwar Tu liebst die Ehrmann — und die Liebe macht bekanntlich blind. — Aber wenn Du Fra» von Kleefeld nur erst näher kennen lernst, — daß sie hochherzig ist, wirst Du selbst jetzt schon zngcben muffen, — Sie übergibt Dir die Verwaltung ihres Vermögens, überläßt Dir das Versüguugsrecht über dasselbe, — und wenn Du Sie nur ein einziges Mal gesprochen haben wirft, — Ihr Liebreiz. ist bezaubernd. — Ich denke, ich gehe morgen in den Vormittagsstunden zu ihr und überbringe ihr Deine Zustimmung. Ein Schauer durchzuckte die Glieder des jungen Mannes. „Laß mir Zeit!" murmelte er. „Zeit, — es kommt darauf an, was Du darunter verstehst. Frau von Kleefeld erwartet Deine Antwort in den Vormittagsstunden. — Ist es Dir jedoch lieber, so überbringe ich sie ihr erst Nachmittags. — Eure Verlobung muß jedoch morgen Abend stattsindcn, — sonst ist altes verloren." „Und ist denn in anderer Weise keine Hilfe möglich? — gibt cs keinen Ausweg? —.Ich will ja gern alles, alles thun, — nur —" Es lag unsägliche Qual mehr noch in dem Tone, als in den Worten des jungen Mannes; der Vater preßte die zuckenden Lippen anfeinander; plötzlich stürzte er in Thräueu ansbrechcnd dem Sohne zu Füße». „Hilf uns! rette uns! — oder wir sind alle verloren!" „Nicht! — nicht! — Papa! — bitte, stehe auf!" murmelte Eduard, indem er sich bemühte den Vater emporznheben. Dieser aber wehrte ihm ab, neigte sich noch tiefer, berührte mit seinem thränenübcrstuthcteu Antlitz die Füße des Sohnes. „Ich stehe nicht auf," schluchzte er, „bevor ich nicht Dein Wort habe, daß Du uns retten wirst. — Nicht um meinetwillen flehe ich zu Dir. — aber um Deiner thcuern Mutter willen und um Deiner unschuldigen Geschwister! — bedenke Eduard! — Deine arme, arme Mutter!" X „Ich werde Dich retten! —" flüsterte Eduard, „ich schwöre es bei dem Leben meiner Mutter!" „Gott segne Dich, mein Sohn!" rief Kornfeld aufspringend und schlang die Arme um den Sohn, der sich eben wieder zu ihm geneigt hatte, um ihn aufzurichten. „Gott segne Dich!"' und drückte ihn fest an seine Brust. „Ich wußte es ja, daß Du uns helfen, uns retten werdest, unser theurer, edler, herrlicher Sohn! — Horch! was ist das?" — unterbrach er sich selbst. — „Deine Mutter hat die Schlafzimmerthür geöffnet, — scheint der Stiege znzuschreiten- — Mama ist beunruhigt, weil wir hier so lange verweilen. Ich eile, Sie zu beruhigen. — Lege auch Du Dich Glieder, mein theures Kind, — und ruhe sanft in dem Bewußtsein, eine große, edle That vollbracht zu haben. Gott segne Dich!" Er eilte hinaus, der in Wirklichkeit beunruhigten Gattin entgegen. Eduard sank wie vernichtet in einen Sessel, ein schmerzliches Wimmern entrang sich seiner Brust. So war denn alles verloren, altes! — Fratzenhaft starrte ihm die Zukunft entgegen, die ihm bisher im goldnen Glanze erschienen, — hatte er doch das herrlichste Mädchen sein genannt — und nun, — kaum zwei Stunden waren verstrichen, seit er sie verlassen, seit ihr Helles, melodisches Lachen sein Ohr entzückt. Und er durfte sie nimmer Wiedersehen! — er mußte ihr entsagen! — O! O! — Zerschellt lag das Glück seines Lebens in werthlosen Scherben. — Und am kommenden Abend sollte er seine Verlobung feiern mit — mit —. Zähneknirschend preßte er die geballte Faust an die Stirn. Zwar war sie jung und schön wie Adele, und voll Liebreiz. Er hatte es oftnials gehört. Sein Vater hatte Recht, die halbe Männerwelt lag zu ihren Füßen, und die halbe Männerwelt würde den Ueberglncklichen beneiden, den die Unvergleichliche mit ihrer Liebe, ihrer Hand und ihren Millionen beglücken tvollte. Und dennoch, — Alles in ihm bäumte sich auf, wenn er an die Verbindung mit ihr dachte. Elementine von Kleefeld war die junge, kaum 22jährige Wittwe eines reichen, alten Wüstlings, der vor ungefähr 8 Jahren das reizende, aber halb verhungerte Geschöpf als Mitglied einer Akrobateugesellschaft in einer elenden Spelunke entdeckt hatte. Er hatte sich ihrer angenommen, sie erziehen lassen, ihr die besten Lehrer gehalten und nach wenig mehr als drei Jahren war sie eine vollendete Salondame geworden und hatte freudigen Herzens ihrem großmnthigeu Wohlthäter ihre schöne, kleine Hand gereicht. Herr von Kleefeld hatte siegeehelicht, einer-