Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-09-22 · Heft 75-76 (22.9.1885) · page 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 75-76 (22.9.1885)
Date
1885-09-22
Page
– (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449573--22966-2512609
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nicht abzusehen. Denn wenn schon in Jerusalem , dieser grossen, mit so vielen jüdischen Einrichtungen ausgestatteten Gemeinde, die Mission so grosse Verheerungen anzurichten vermochte, um wie viel mehr in so armen Städten, wie Hebron und Jaffa, die schütz- und wehrlos, so zu sagen mit gebundenen Händen dem eindringenden Hebel gegenüberstehen. Es ist freilich wahr, dass der Mangel an jüdischen AerztenundA pothekernderSache der Mission grossen Vorschub leistet, und Diejenigen, die das Treiben der Missionaire nicht rath- und thatlos mitansehen wollen, haben ihr Augenmerk besonders auf diesen Punkt zu lichten. Allein es wäre falsch anzunehmen, dass mit der Installirung jüdischer Aerzte und der Einrichtung jüdischer Hospitäler und Apotheken das Hebel mit der Wurzel ausgerottet wäre. Die Wege der Verführer sind so mannigfaltig, ihre Mittel so unerschöpflich, ihre Worte so süss und einschmeichelnd, ihre Blicke immerwährend dermassen auf jeden Punkt gerichtet, von dem aus man die Seelenjagd mit Erfolg betreiben kann, dass nur das energischste Einschreiten von berufener Seite das Hebel mildern kann. Und wer wäre mehr berufen, die Seelen dem Judenthume zu erhalten, als die Rabbiner Palästina^, die mit Wort und Beispiel auf die schreckliche Gefahr hinweisen müssten, die ihren Brüdern und Schwestern droht. Es ist noch nicht lange her, da galt ein Jude, der sich mit einem Missionair befasste, ja nur mit ihm sprach, als ein Abgefallener oder Verdächtiger. Heute verkehrt man in der freundlichsten Weise mit ihnen, ja sogar die Gelehrten scheinen an ihrem Verkehr mitunter Gefallen zu finden. Was soll dann der Laie und Unwissende thun? Darum wiederholen wir: Nur höchst eindringliche Ermahnungen seitens der Rabbiner, nur das energischste Einschreiten derselben kann dem Hebel steuern! In Jerusalem giebt es jüdische Aerzte und Krankenhäuser, die Aerzte sind mindestens ebenso geschickt als die der Mission, die Krankenhäuser sind gut eingerichtet. Und doch ziehen leider viele Juden den Missionsarzt dem jüdischen vor! Woher kommt das? Der Missionsarzt ist selbst Missionair, und kommt nun ein Hilfsbedürftiger zu ihm, wie ist er da so besorgt und so aufmerksam und so süss und liebenswürdig! Zucker ist immer süss; diese Zuvorkommenheit gefallt den Leuten, und dann geht es wie dem Fischer in der Goethe’sehen Ballade: „Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm, Da war’s um ihn geschehen. Halb zog sie ihn, halb sank er hin, Und wurde nicht mehr gesehen.“ Darum, Ihr Rabbiner Palästinas, thuet Euere Pflicht, rufet mit lauter Stimme und scheuet Euch nicht, wenn das Hebel nicht bald noch grösser werden soll! Für die uns zum zugegangenen äusserst zahlreichen Glück- und Segenswünsche sprechen wir, da eine Einzelbeaniwortung uns unmöglich, den freundlichen Gratulanten auf diesem Wege unseren tiefgefühltesten Dank aus. Dürkheim, nnn '~\m n, 13. September 1335% Familie JDr. Salvendi. Druck von David LouU WoIff, Magdeburg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.