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Der Israelit · 1885-09-22 · Heft 75-76 (22.9.1885) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 75-76 (22.9.1885)
Date
1885-09-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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„Und wenn dem so wäre, — ich könnte dennoch Deinem Wunsche nicht entsprechen. Frau von Kleefeld führt eine durchaus ulijüdische Lebensweise und — Du kennst meine Ansichten in dieser Beziehung." „Tie kenne ich allerdings," erwiderte der Vater, „aber ich weis;, datz Frau von Kleefeld Dich liebt, ich bin daher fest überzeugt, daß sie sich mit Freuden in ihren Gewohnheiten nach den Deinigen richten wird. — Wie ist es denn in unserem Hause? — Ich bin, wie Du weißt, in jeder Beziehung liberal, sowohl in politischer als in religiöser Beziehung. Deine theure Mutter hingegen ist streng conservativ, ich spreche natürlich von ihrer religiösen Anschauung. — Sie hält den Sabbat und die Speiscgescße, kurz alles Mögliche. Und trotzdem leben wir in glücklichster Ehe, und Tu wirst nie, auch nur eine spöttelnde Bemerkung von mir vernommen haben, wenn ich Deine theure Mutter das halten sehe, auf das ich, wie Du weißt, keinen Werth lege, und habe ich sogar zugegeben, daß Ihr eine religiöse Erziehung erhalten. Deine Mutter hätte nicht glücklicher leben können, und wenn sie den größten Ehoßid geheirathet hätte. Und ebenso wird es auch bei Dir sein. Tu wirst glücklich und fromm leben, trotz der liberalen Anschauungsweise Deiner Frau." Eduard schüttelte den Kopf. „Nicht doch, Papa, das wäre gradezu unmöglich. Eine Frau kann allerdings religiös leben, wenn auch der Mann an allem zweifelt. Ter Mann kann jedoch nur dann seinen religiösen Pflichten entsprechen, wenn die Frau seine Anschaunngsweise theilt. Bedenke nur, ich könnte im eigenen Hanse nicht einmal essen." „Tn bist ein echter Spießbürger," entgegncte .Kornfeld lachend, „Du meinst, weil Deine Mutter jede Minute in die Küche läuft, müsse Deine Frau dasselbe thun. Aber bei ihrem colossalen Vermögen kannst Du Dir ja Aufseher für die Küche halten, und für alles mögliche. Eine fromme Köchin, — kurz, was Du willst." „Nein, Papa, ich werde nie eine nicht religiöse Frau heirathen, ebenso wenig als eine Frau, deren Name nicht vollkommen makellos ist." „Weil Du Dich in das dumme Mädchen vergafft hast" ries Kornfeld heftig, „aber ich schwöre Dir, Du bekommst sie nicht, magst Du nun die Kleefeld heirathen oder nicht. — Sei vernünftig," fuhr er, sich mäßigend, fort, „sei nicht Dein eigener Feind. Bedenke, was zurückzlUveisen, Du im Begriffe bist. Frau oon Kleefeld liebt Dich, Sie hat unbegrenztes Vertrauen zu Dir. Nimmst Du ihre Hand an, so gewährt Sie Dir freies Verfügen über ihr Vermögen, lieber ihre Millionen kannst Du schallen und walten nach Deinem Belieben. Du könntest leben wie ein Fürst in jeder Beziehung. Jetzt verwendest du, ich weiß es, einen Theil' deines kärglichen Gehaltes zu wohlthätigen Zwecken, dann aber könntest du in Wahrheit ein Wohlthäter der Menschheit werden. Tausende kannst Du alljährlich zu edlen Zwecken verwenden. Bedenke, wie viele Thränen könntest Du trocknen, wie viel Noth und Elend lindern. Nicht nur im Namen Deiner Familie, im Namen der leidenden und darbenden Menschheit fordere ich von Dir, das Glück nicht zurückznweisen, das Dir geboten wird." Eduard aber schüttelte abermals abwehrend das Haupt. „So verlockend das Bild auch scheinen mag, das Du entwirfst, — ich kann Deiner Aufforderung nicht entsprechen." „Aber Du mußt!" schrie Kornfeld, indem er ans den Sohn zustürzte und ihn an beiden Schultern packte, „Du mußt, sage ich — wahnsinniger Thor, den man zu seinem Glücke zwingen muß." _ „Aber ich werde mich nicht zwingen lassen," versetzte Eduard, indem er sich stramm ansrichtete, „und wenn sich hier zu meinen Füßen ein Abgrund öffnete und ich nur durch die Hand der .Kleefeld mich vom sicheren Untergänge retten könnte, — ich würde sie dennoch nicht ergreifen." „Unglücklicher!" stammelte Kornfeld, indem er die Hände trostlos sinken ließ, „Du ahnst nicht, wir nahe Du der Wahrheit bist." „Ich verstehe Dich nicht," sagte Eduard gepreßt. Kornfeld war wieder in den Sessel gesunken, sein Blick haftete wie vorhin am Boden. „Dn verstehst mich nicht — kannst mich freilich nicht verstehen — Aber Du sagtest, Dn würdest die Kleefeld nicht heirathen, und wenn Dn Dich durch sie vom sicheren Untergänge retten könntest. — Wie aber, wenn es sich nicht um Deine Persönlichkeit allein handelte? — Wenn —" seine Stimme bebte und war mit einemmal seltsam heiser. „Wenn Deiner ganzen Familie der Untergang drohte und Du sie durch Deine Heirath mit der Kleefeld retten könntest?" Der junge Man» war leichenblaß geworden. „Ich verstehe Dich nicht," murmelte er, „ich kann Dich nicht verstehen." Der Vater barg das Antlitz in den Händen, ein Acchzen entrang sich seiner Brust. „Ich verstehe Dich nicht," wiederholte Eduard. „Ich wollte Dich schonen, — Dich und mich. Ich hoffte. Dir das Entsetzlichste verschweigen zu können, — Du zwingst mich zu reden." Er erhob sich mit sichtlicher Anstrengung, wankenden Schrittes trat er dicht an den Sohn hinan und flüsterte ihm einige Worte in das Ohr. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr den Lippen des

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