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Der Israelit · 1885-09-16 · Heft 73-74 (16.9.1885) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 73-74 (16.9.1885)
Date
1885-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXVI. Jahrgang. Erste Beilage ju Nr. 73 & 74 des Israelit, Leitender Atikel. Die isr. Waisenanstakt z» Kiirtii. Die im Jahre 1763 gegründete Waisenanstalt zu Fürth, die einzige für Bayern und die älteste i Deutschlands, von Sr. Majestät dem Könige, unserem allergnädigsten Landesvater, mit dem Rechte der juristischen Persönlichkeit ansgestattet, nimmt alle israelitischen Waisenknaben aus allen Theilen des ganzen Vaterlandes auf, und so befinden sich dermale« 47 Waisenknaben in der Anstalt. Schon nach zurückgelegtem 5. Lebensjahre werden die Waisenknaben ausgenommen und verbleiben da bis zu ihrem 13. bezw. 14. Lebensjahre. Während ihres Aufenthaltes erhalten die Zöglinge in der Anstalt Logis, Kost, Kleidung, Wäsche, überhaupt vollständige Verpflegung, ebenso den vollständigen Religions- und Elementarunterricht — alles unentgeltlich. In der Religion umfaßt der Unterricht alle zu diesem Fache gehörigen Gegenstände. Der Elementarunterricht entspricht den Leistungen der städtischen Volksschule und erstreckt sich noch überdies auf kaufmännische Fächer, wie kaufmännisches Rechnen, Korrespondenz und Buchhaltung. Von den neueren Sprachen wird die französische unterrichtet. Was die Erziehung betrifft, so werden die Kinder derart erzogen, daß sie als brauchbare Menschen und nützliche, treue Staatsbürger heranwachsen. Durch die Freizügigkeit haben die Landgemeinden an Mitgliederzahl bedeutend abgenommen, und so ist es nicht selten der Fall, daß viele Gemeinden gar nicht mehr im Stande sind, einen Lehrer besolden zu können, wodurch dann unbemittelte Wittwen rath- und hilflos dafteheu. Würde für solche verlassene Waisen nicht gesorgt werden, so würden sie ohne Unterricht und ohne gehörige Erziehung aufwachsen müssen. In diesem Nothfalle ist es immer und immer wieder die wohlthätige Waisenanstalt, worin diese verlassenen Kinder gute Unterkunft finden, und für deren körperliches uub geistiges Gedeihen bestens Sorge getragen wird. Wie viele Thränen der Wittwen und Waisen werden durch das segensreiche Wirken der Anstalt getrocknet! Viele Hunderte von herangewachsenen Bürgern verdanken diesem wohlthätige» Institute ihre Versorgung und Stellung als würdige Glieder der menschlichen Gesellschaft. Schon eine Reihe von Jahren war die Verwaltung der Anstalt bestrebt, alle Ansnahmsgesuche der Waisen zu berücksichtigen, und so wurde schon seit 10 Jahren kein einziges Aufnahmsgesuch zurückgewiesen, und wenn die Mittel der Anstalt zur Aufnahme aller Gesuchstelter nicht ausreichten, trat nicht selten die Verwaltung der Anstalt mit eigenen Mitteln helfend ein. Die Erhaltung, Verpflegung und der Unterricht so vieler Waisenkinder erfordern selbstverständlich große Summen. Da aber die Anstalt nur so viel Kapital besitzt, daß durch dessen Zinsen erst die Hälfte der nothwendigcn Ausgaben bestritten werden kann, so ist sie zur Erlangung der anderen Hälfte jahraus und jahrein auf freiwillige Gaben angewiesen. Wenn nun der Anstalt nicht in ergiebiger Weise wohlthotig beigestandcn wird, so ist es sehr fraglich, ob sie deul edlen Prinzipe, kein Waisengesuch zurückznweisen, auch künftighin noch Rechnung tragen kann. Ein Leichtes wäre es aber und könnte gar mancher trostlosen Wittwe geholfen und gar manches verlassene Waisenkind versorgt werden, wenn unsere edlen Mitbürger und Mitschwester» auch nur einen kleinen Theil ihrer Wohlthätigkeit dieser segensreichen Anstalt zufließen ließen. Die Verwaltung der Anstalt erlaubt sich daher und ist dringend hiezu veranlaßt, unsere edlen Mitbrüder und Mitschwestern zu bitten, die Anstalt mit ihren Waisenkindern zu unterstützen, sei es durch jährliche Beiträge oder auch einmalige Spenden, oder sei es durch Stiftungen und Gründung von Freiplätzen. Es gibt ja doch wohl keine edlere That, als Wittwen zu trösten und Waisen versorgen zu helfen. Lehrt ja schon der Talmud, „wer einen Waisen erziehen hilft, dessen Lohn ist ebenso groß, als erzöge und versorge er fein eigenes Kind." Der Lohn der Mildthätigkeit ist an sich schon sehr groß, noch viel größer aber ist der Lohn1 jener Mildthätigkeit, die man Waisen angedeihen läßt. Nennt sich der Allmächtige selber „Vater der Wittwen und Waisen." Bisher war tiur für die Unterbringung der Waisenknaben Sorge getragen. Das Bedürfniß und die Nothwendigkeit, auch für verlassen dastehende Waisenmädchen eine derartige Anstalt zu besitzen, wurde schon seit langer Zeit tief empfunden,' und '

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