Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1885)
- Date
- 1885-08-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1192 Am Morgen des neunten Tages nach ihrer Ankunst erschien Schwester Euphrosinc nicht in der Kirche; sie war krank. Die Aebtisfin wollte nach einem Arzte schicken; allein die Fremde lehnte es ad. Eine Spazierfahrt meinte sic, würde sie bald wieder genesen lassen. Sie lieh ihren Wagen anspannen. „Hochwürdigste Mutter," sagte sie zn derAebtissin, „ich möchte mir eine große Gnade erbitten. Wohl weis; ich, daß cs gegen die Klostergesetzc ist; allein ich glaube, daß Ihr in diesem Falle eine Ausnahme gestatten dürftet. Ich bin krank und befinde mich im fremden Lande. Weder ich noch mein Kutscher sind der Landessprache mächtig. Ertaubt, daß mich die Novize begleite, damit sie die Dolmetscherin mache, wenn ich unterweges etwas bedürfen sollte." „Eine Novize," sagte die Aebtisfin, „darf allerdings während ihres Noviziats das Kloster nicht verlassen; allein ich glaube, daß hier ein Ausnahmsfall vorliegt. Ich will mich mit. den Schwestern berathen." Die Schwestern wurden znsammengernfcn und waren natürlich derselben Ansicht wie die Aebtisfin. Schwester Euphrosinc stieg in den Wagen und befahl der Novize, sich ihr gegenüber auf den Rücksitz zu setzen. Dem Kutscher legte sie ans Herz, nur langsam zu fahren, da sic jede heftige Bewegung vermeiden müßte. Langsam fuhr der Wagen durch die Straßen von Erkelenz dem östlich gelegenen Thore zu. Alle Bewohner des Städtchens eilten auf die Straße oder an die Fenster, um dem Wagen nachzuschauen, bis er zum Thore hinaus war. Ta Hütte Rosa plötzlich eine männliche Stimme in französischer Sprache rufen: „Jean, haue auf die Pferde, was Dil kannst. Laß sie so schnell als möglich laufen, wenn sie auch drauf gehen sollten!" Im sausenden Galopp fuhr der Wagen dahin. Rosa blickte staunend auf ihr Gegenüber. Was war das für eine Stimme? Sollte es möglich sein? „Leser!" schrie sie. „Ja, ich bins, nicht nur Tein Leser, sondern auch Dein Erlöser! Gottlob, daß ich meine Stimme nicht mehr zu verstellen brauche! Das war bei der ganzen Geschichte das Allerschwerste." Wie Rosa nun aufjubelte, so urplötzlich dem schrecklichsten Schicksale entronnen, das vermag keine Feder zu beschreiben. - Nachdem der erste Ausbruch der Freude vorüber war, erzählte Leser der Geliebten, daß er, als der Bote ihn in Wien gefunden, sogleich seinen Plan gemacht hätte; auf die Unwissenheit der Erkelenzer Nonnen, von der er schon gehött hatte, bauend, hatte er sich schon in Wien einen Nonnenanzug und ein Kloftersiegel verschafft, um sich als französische Nonne einzuführen. Den Kutscher hatte er in Frankreich gemiethet; derselbe war ihm als ein zuverlässiger Mensch von einem Freunde empfohlen würden. Dann hatte er die Kalesche und die Pferde gekauft, und nun war Alles aufs Herrlichste gelungen. Als Leser glaubte, weit genug von Erkelenz entfernt und vor jeder Verfolgung gesichert zu sein, ließ er in der Nähe eines Gehölzes den Wagen halten. Dann entnahm er dem Sitzkasten einen Männer- und einen Frauenanzug, reichte den letzteren seiner Braut und sprach: „Kleide Dich um; ich werde dort im Gehölze ein Gleiches thun; denn in diesem Aufzuge können wir uns vor keinem Menschen sehen lassen, ohne Verdacht zu erregen." Als Leser in männlicher Tracht aus dem Gehölze zurückkehrtc, da konnte Rosa erst recht froh werden. Bis dahin war ihr die Befreiung wie ein Traum vorgekommen. Leser wäre gern zunächst nach Düren zn seinen Eltern gefahren, allein Rosa bat ihn, vom nächsten Städtchen aus durch einen Boten seinen Eltern briefliche Nachrichten zukommcn zu lassen und mit ihr direct nach Cleve zu reisen. Es war an einem Freitag Morgen — Frau Nachmann buck die Sabbatbrode; sie mußte in einemfort mit der Schürze über die Augen fahren, damit die Thränen sich nicht mit dem Teige mischten. Da öffnete sich die Thüre und Rosa stürzte herein. Mit lautem Aufschrei umarmte die glückliche Mutter die wiedergefundene Tochter, wiewohl ihre Hände, voller Teig, den Anzug des Mädchens beschmutzten. Bald kam auch der Vater nach Hause, und daß auch seine Freude grenzenlos war, brauchen wir wohl nicht zu sagen. Die ganze Stadt nahm Antheil daran. Der Sabbat wurde als ein besonderer Festtag gefeiert und alle Armen der Stadt und der Umgegend wurden reichlich beschenkt. Sonntags kamen auch Lesers Eltern und Geschwister von Düren, so daß jetzt die Freude vollständig war. Die Geschichte erregte großes Aufsehen weit und breit im ganzen Lande und auch in Erkelenz erfuhr man, wer die französische Nonne gewesen, welche die Gastfreundschaft der Aebtiffin genoffen. Daß Leser und Rosa ein glückliches Paar wurden, hochgeachtet von den Mitmenschen und wohlthätig gegen Arme, braucht wohl nicht eiHählt zu