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Der Israelit · 1885-08-31 · Heft 69 (31.8.1885) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 69 (31.8.1885)
Date
1885-08-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXVI. Jahrgang. Erste Beilage;« Nr. 69 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Jberia. Bilder aus der spanisch-jüdischen Geschichte von Dr. M. Levin. Berlin. Ferd. DümmlerS Berlagsbuchhandlung, Hanwitz und Goßmann. 1885. Das Interesse jüdischer Kreise für die Geschichte unseres Volkes seit der Zerstörung unseres Tempels ist in den letzten Jahrzehnten ein wärmeres und lebhafteres geworden. Neu erweckt arbeitet die Forschung, und der Religionsunterricht senkt in die Herzen der Jugend die stolze Erinnerung an große Thatcn und erhabene Leiden der jüdischen Vergangenheit. Immer aber noch geht die Mehrheit der Juden kalt und theilnahmslos daran vorüber. Mit doppelter Genugthuung ist daher eine Gedichtesammlung wie die vorliegende zu begrüßen, die sowohl ein Herz verräth, das die Ereignisse jener Zeiten tief empfindet, als auch die Kenntnißlosen belehrt und begeistert. Die Juden in Spanien — eine Lichtwelle blendet unser Auge, aber bald starrt es thränenlos in ein Meer schwarzer Wolken. Nicht in das goldene Licht hat der Verfasser von „Jberia" seine Feder getaucht, nicht den Glanz jüdischer Dichter und Denker, jüdischer Helden und Staatsmänner der pyrenäischen Halbinsel breitet er vor uns aus, vielmehr hat er hineingegriffeu in die düstere Folterkammer der spanischen Geschichte und die Bilder hingebender Märtyrer und ihrer Peiniger, verzagter Treuloser und ihrer Verführer hervorgeholt. Der Domherr Paulus Burgensis, der als schristgelehrter Rabbiner Salomo Levi geheißen hatte, der berüchtigte Josua Lorqui, der sich als Leibarzt des Papstes Benedikt XIII., Geronimo de Santa, Fernannte, Torquemada, „der größte Menschenröster' aller Jahrhunderte" und andere mehr oder weniger bekannte Namen begegnen uns in den fünfzehn Gedichten, die historische Ueberlieferung, die Sage, wie sie im Volksmund lebt, zuin Vorwurf haben und vorwiegend der vom Verfasser geschickt behandelten Gattung der Romanze angehören. Den poetischen Werth der Gedichte können wir allerdings nicht hoch anschlagen. Häufig vermissen wir den Schwung der Diction, und begegnen ungern des Oesteren trivialen Wendungen und Ausdrücken. „An derselben Stelle seht ihr Ein Gebäude für Soldaten." (S. 16); „Sollen Kannibalen herrschen Und zum Jammerthale wandeln Deine weite, schöne Erde?" (S. 29); „Mitleid regte die Gestalt an In dem Herzen unsres Wanderers." (S. 56); „Heut ist der Termin verflossen (S. 63); li. s. w. ist durchaus nicht dichterisch. Auch sprachlich ist manches verfehlt. „Schönes Land der Jugend Träume" (S. 8) ist uns unverständlich. Unrichtig sind auch „Bis ihn krönte sein Geburtsort ... Als den Erzbischof von Burgos" (S. 13); „Heißt's nicht Mcnschenblut vergießen, M e n s ch auf Menschen wild zu hetzen" (S. 26). Das Wort „schelmisch" ist bcm Sprachgebrauch entgegen benutzt in „Seht ihn so schelmisch flehen". Das Substantiv „Schelm" wird noch im guten und im üblen Sinn angewandt, „schelmisch" aber nur in ersterem. „Bleichen Blickes" (S. 75) ist ein falsches Bild, „gramvoll keuchend" (S. 66) wirkt komisch. Das in Vers 1. S. 56 Anstoß erregende Wort hätte umgangen werden können und müssen. In Anmerkung 9 (S. 94) ist nicht deutlich genug gesagt, daß die Anfangsbuchstaben des Namens Maestre Geronimo de Fö das hebräische Wort bilden. Gern gestehen wir jedoch zu, daß uns z. B. das Gedicht „Mose den Eh'anock," auch „der Ehnete" zum Theilc recht gut gefiel; auch sonst findet an einzelnen Stellen die Begeisterung des Dichters den poetischen Ausdruck, so in „Don Alfonso ist ein Herrscher, Ritterlich und strengen Rechtes n. s. w. (S. 34); desgleichen „Hier erheben sie den Halbmond, Und das Kreuz erhebt man drüben, Aber aus den beiden Lagern Hört man rufen: Sch'ma Israel!" (S. 36); besonders anznerkennen ist die Gewandtheit, mit der der Verfasser Gebete und Bibelstellen einzuflechten weiß. „Ewiger Hort, Dein Thun ist grade u. s. w. (S. 22) ist schön und ergreifend. Wohlthuend aber vor Allem berührten uns meist die Schlußverse der Gedichte, die versöhnungSvoll ausklingen bald im Hinblick auf den vorurtheilsfreieren Geist der Gegenwart, bald auf den verheißenen Trost der Zukunft. Wir schließen diese Kritik mit den Schlußworten des Verfassers: „Heber mein priesterlich Volk wird kein Mensch als Sieger sich brüsten, Jst's doch berufen zum Heil, tragend des Ewigen Wort. Neu wird erstrahlen sein Licht, auf Zion kündet's der Tempel, Wahrheit, Frieden das Reich, herrschend durch Liebe und Recht." _ Dr. B.

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