Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1885)
- Date
- 1885-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. M 69, (Sin Genirak - Hrgan für das orthodoxe Iudenihmn. Heransgcgebeu von vr^Lehmann in Mainz. Montag, den SL. August 3645 (1885). Leitender Artikel. Die Sprüche der Mter. xxxx. Mainz, 27. August. Zn den schwierigsten Stellen unserer Mischnah gehört die nun folgende: ruon nmc nsjy nno „Werden Rath mehrt, mehrt die Vernunft." Um diesen Ansspruch zu verstehen, müssen wir zunächst die Begriffe nsy und ruon und ihr Verhältniß zu einander festzustellen suchen. Wir glauben nicht fehl zu gehen, Denn wir den Ursprung dieses Ausspruches in einem Verse der heiligen Schrift suchen, in welchem diese beiden Begriffe neben einander gestellt sind. Es heißt Hiob C. 12, V. 13: ruoro nsy it> „Ihm (Gott) ist Rath und Vernunft." Das Wort nsy hat ungefähr dieselbe Bedeutung wie das deutsche Wort „Rath". Wenn Jemand in Bezug auf irgend eine Sache im Zweifel ist, er weiß nicht, ob er Dieses oder Jenes thun, diesen oder jenen Weg einschlagen soll, so wendet er sich au einen einsichtsvollen, verständigen Mann und erbittet sich dessen Rath. Einen solchen Rath zu ertheilen ist oft sehr schwer, und meistens sind es die Thoren und beschränkten Menschen, die Andern ihren Rath aufdrängen. Der einsichtsvolle Mann hält gern mit seinem Rathe zurück. Meistens sind es ganz schwierige und schwer zu entscheidende Fälle, auf welche vielfach die Antwort jenes griechischen Weisen passen würde: „Thue wie Du willst, und es wird Dich gereuen." In dem Gesagten ist schon die Thatsache angedeutet, daß der Rathgeber meistens Undank erntet. Der Rathempfänger vermeint später, daß er beffer daran gethan hätte, wenn erden entgegengesetzten Weg eingeschlagen und macht den Rathgeber für die ihm erwachsenden Unannehmlichkeiten verantwortlich. Daher könnte man Jedem rathen, mit seinem Rathe zurückzuhalten. Dem gegenüber macht Hillel geltend, daß dein Rathgeber selbst etwas Großes, Herrliches aus dem gegebenen Rathe erwächst, was alles damit in Verbindung stehende Unangenehme reichlich anfwicgt. nsy nma ruon nmo „Wer viel Rath crtheilt, mehrt seine Einsicht." Der große Hillel lehrt uns hier eine erhabene Stufenfolge min nmo, das ist das Erlernen der Thora, wie und wo es immer nur möglich, nmc n".-> mehrt das Leben, ro^nnc das ist das tiefere Erfassen der Gottcslehre in Folge mündlicher Belehrung, in gemeinsamen Studien mit Genossen, durch Unterricht an die Schüler, nmo mehrt die Weisheit, das scharfe und kritische Denken, die Gewinnung höherer Gesichtspunkte. Jetzt fehlt noch die praktische Anwendung. Sie stellt sich in ihrer Vollkommenheit dar durch den guten und gediegenen Rath, den mau Andern ertheilt. Und wie beschaffen dieser Rath sein soll, darüber wird nach dem Gesagten kein Zweifel obwalten: er sott geschöpft sein aus der lebendigen Quelle der Gottcslehre und ihren Grundsätzen entsprechen. Tic ganze Gotteslehre wird deßhalb auch nyy Rath genannj, wie es heißt (Mischley C. 1, V. 30): ’rs£* on „sie wollten Meinen Rath nicht," und ferner (Psalm 107, V. 11)iLwp'^y nujn \x vrr, o „denn sie waren widerspenstig wider die Wone Gottes, und den Rath des Höchsten verhöhnten sic." Der Rathgeber braucht also nicht lange im Zweifel zu sei», wie er den zu ertheileuden Rath zu gestalten habe: er muß sich dabei nach den Nonnen der heiligen Gotteslehre richten. Derjenige, welcher viel Thora gelernt, der seinen Geist durch den Unigang mit den Weisen, durch gemeinsame Studien mit den