Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1885)
- Date
- 1885-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. M 67, er Kne E i n Zentral - Hrgan für das orthodore ZudenthuM Herausgegeben von Br. Lehmann in Mainz. Montag,.den 24. Arrgnft 5645 (1885). Leitender Artikel. Die Sprüche der Wüter. XXXVII Bobruisk, 20. August. Entsprechend den Dingen, welche unangenehme oder nachtheilige Folgen haben, zählt Hillel nunmehr solche auf, die in ihren Folgen wohlthätig wirken. D"n rmo rmn rraio. „Wer das Thorastudium mehrt, niehrt das Leben." Es ist hier nicht von dem ewigen Leben die Rede, von dem ja im Schlußsätze gesprochen wird, sondern von diesseitigem Leben, von dem Leben in dieser Welt. Denke nicht, sagt Hillel, daß die überaus fleißige Beschäftigung mit der Gotteslehre dem körperlichen Wohlbefinden unzuträglich sei, sondern sie verlängert und vermehrt das Leben; denn nicht gleicht die Beschäftigung mit der Gotteslehre anderen Dingen, bei denen übermäßiger Fleiß den Körper schwächt und die Kräfte lähmt, sondern die Lehre unseres Gottes gewährt Gesundheit und stets erneute Kraft, wie es heißt: (Mischte E. 3,2$. 8): „Heilung wird sie (die Gotteslehre) sein deinem Körper und Erquickung deinem Gebein." Denn die Thora ist gegeben worden vom Herrn der Welten, daß sie sei eine Lehre des Lebens, und wer sich mit ihr beschäftigt, wird durch sie die wahre Herzensfreude finden, wie es heißt (Psalm 19, V. 9): „Die Befehle Gottes sind gerade, erfreuen das. Herz." Der Geist wird wachsen und die Weisheit erlangen, die da des Menschen höchste Wonne ist, wie es heißt (Mischte C. 2, V. 10): „Denn kommen wird Weisheit in dein Herz und Erkenntniß wird deiner Seele angenehm sein." Und des Menschen Herz ist der Quell seines Lebens, das, wenn eS fröhlich ist, den ganzen Körper kräftigt, erquickt und gefunden läßt. Und Zuströmen wird dem Menschen große Kraft von oben, von der Quelle des Lebens, wie es heißt (Psalm 10, V. 37): „Denn bei dir ist des Lebens Quelle, in deinem Lichte schauen wir Licht." Ist doch die Thora dazu geeigenschaftet, Gottesfurcht zu erlangen, zu erkennen seine Wege, seine Liebe, seine Gerechtigkeit, und die Gottesfurcht verursacht wiederum des Lebens Verlängerung, wie es heißt: (Mischle C. 10, V. 27): „Gottesfurcht wird Tage hinzufügen, aber die Jahre der Frevler werden verkürzt werden." Und ferner heißt es: (Mischle C. 19, V. 23): „Gottesfurcht gereicht zum Leben." Und an einer andern Stelle (Mischle C. 14, V. 27): „Gottesfurcht ist der Quell des Lebens, die lehrt, den Schlingen des Verderbens zu entgehen." Und in der Thora selbst wird uns gelehrt (5. B. M., E. 32, V. 46): „den» sic (die Gotteslehre) ist euch keine leere Sache, sondern sie ist euer Leben und die Länge eurer Tage." Wenn es nun auch im buchstäblichen Sinne des Wortes wahr ist und die tägliche Erfahrung es uns lehrt, daß die Beschäftigung mit der Thora das Leben verlängert, so können wir den Ausspruch Hillels doch auch in anderer Weise anffasscn. Wir müssen zu diesem Zwecke zunächst erörtern, was eigentlich „Leben" heißt. Es ist ein bedeutender Unterschied zwischen Leben und Leben. Ein deutscher Dichter (Göthe) sagt mit Recht: „Ein unnütz Leben ist ein früher Tod", und im Talmud wird gelehrt, daß der Müssiggänger einem immerfort Schlafenden zu vergleichen sei. Wirklich leben heißt daher nicht vegetiren, sondern die Tage und Stunden mit guter und nützlicher Thätigkeit erfüllen. Es gibt Menschen, die 80 oder 90 oder gar 1O0 Jahre alt werden, und wenn man das Facit ihres Lebens zieht, so ist dasselbe gering oder gleich Null; es gibt Andere, die ihr Leben mit schlechten und bösen Thaten ausfüllen, so daß beim Facit desselben ein Minus herauskömmt. Dagegen gibt es Männer und Frauen, die während der verhältniß-