Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1885)
- Date
- 1885-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. M «6 Aentrak - Hrgan für das orthodo.re Iudenthum. Heransgcgeben von llr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 20. A u g n st 5645 (1885). Leitende Artikel. Die Sprüche der Jäter. XXXVH Bobruisk, 17. August. Die dritte Klasse irdischer Freuden und Genüsse, die größten und gefährlichsten aller Leidenschaften, beruht auf der Befriedigung der sinnlichen Liebe. Wir haben es bereits mehrfach hervorgehoben, daß in unserer Maßcchta nicht vor Verbrechen gewarnt wird; innerhalb der Gesetzmäßigkeit wird in derselben auf die höhere Sittlichkeit hingewiesen, die sich von Manchem entfernt hält, was erlaubt ist, und mehr thut, als geboten ist. Daher warnt Hillel hier nicht vor der Befriedigung der sinnlichen Triebe durch Unzucht und Ehebruch, sondern er zieht das gesetzlich Erlaubte in den Bereich seiner Betrachtung. Bekanntlich hat die Thora den Israeliten gestattet, mehrere Frauen zu gleicher Zeit zu besitzen. Weder in der Bibel noch im Talmud ist die Polygamie (Vielweiberei) verboten, ja, den meisten im Oriente lebenden Juden ist sie noch heute gestattet. Ein Mainzer Rabbiner, Rabbi Gerschom, das Licht der Diaspora, war es, der vor mehr als achthundert Jahren in Verbindung mit 99 Amtsgenossen für die abendländischen Juden die Polygamie abschaffte und mit dem Banne bedrohte. Wenn nun auch die Vielweiberei gestattet war, so finden wir doch mehrfache Beschränkungen derselben. Selbst der König durste nicht zu viele Frauen heirathen. Der Hohepriester, der am heiligsten Tage des Jahres an der heiligsten Stätte des heiligen Tempels den Dienst verrichtete, durste nur ein Weib besitzen. Es ist hier nicht am Orte, die Gründe zu erörtern, welche den allgütigen Gott bewogen haben mögen, die Vielweiberei zu gestatten; aus den erwähnten Beschränkungen jedoch geht hervor, daß sie keineswegs empfohlen wird. Die Weisen finden sogar eine Andeutung in der heiligen Schrift, durch die auf das Nachdrücklichste gegen das Erheirathen von mehr als einer Frau gewarnt wird. Die Maßorah stellt nämlich zwei Bibelstellen neben einander, in denen beiden das Wörtchen Hi vorkömmt. Die eine lautet (1 B. Samuel, E. 1, V. 2) d’iwtw Hi „und ihm waren zwei Frauen" und die andere (Psalm 7, V. 14) nie Hu pn Hi „und sich selbst hat er bereitet die Todeswaffe." Der Zusammenhang ist leicht ersichtlich: wer zwei Frauen yeirathet, der bereitet sich selbst die Todeswaffe. Als Gott die Welt erschuf, gab er dem ersten Menschen nur eine Frau. Das ist mustergebend für alle Zeiten. Ein höheres, edleres Familienleben ist bei der Vielweiberei schwer zu ermöglichen. Nur, wenn dem Gatten eine Gattin zur Seite steht, ist ein einheitliches Familienleben denkbar. Unmöglich kann der Mann zweien oder mehreren Frauen in gleichem Maße die Liebe zumessen. Die Bevorzugung der einen und die Vernachlässigung der andern Gattin oder Gattinnen muß vom nachtheiligsten Einftusse auf die Erziehung der Kinder sein. Aber auch die Annehmlichkeit des Lebens, die ein Alaun durch das Erheirathen mehrerer Frauen erlangen möchte, wird er nicht erreichen. Streitigkeiten und Zwistigkeiten unter seinen Frauen werden ihm das Leben verbittern. Das weibliche Gemüth ist zum Aberglauben geneigt. Ihr höchstes Glück ist die Liebe ihres Mannes, und die soll sie verlieren, an die verhaßte Nebenbuhlerin verlieren! Da wird sie nur zu geneigt sein, durch allerlei abergläubische Mittel, durch Zaubertränke und Zauber-, formeln die Liebe ihres Mannes sich zu erhalten oder wicderzugewinnen. Daher lehrt Hillel: rono d’sbü nmo, D’tw „viele Frauen, viele Zauberei." Die vierte Klaffe tadelnswerther Leidenschaften umfaßt Alles, was in den Bereich der Ehrsucht und