Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 61 (3.8.1885)
- Date
- 1885-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. M 61 Kentrak - Grgan für das orthodoxe Zudenthum. Hcransgcgeben von Dr. Lehman» in Mainz. Montag, den S. August 8643 (1888). Leitende Artikel. Die Sprüche der Mler. XXXII. Main;, 30. Juli. Wir haben im 30. Kapitel die Frage aufgeworfen, warum Hillel lehrt: An einem Orte, an welchem keine Männer sind, bemühe du dich, Mann zu sein. Daraus scheint hervorzugchen, daß an einem Orte, an welchem es Männer gibt, man sich nicht zu bemühen braucht, Mann zu sein. Ist es nicht vielmehr immer nothwendig, daß man sich bemühe, Mann zu sein? Kann Mittel lehren wollen, daß Ort und Umstände, von dem Bestreben, Mann zu sein, dispensireu? Zugleich haben wir bemerkt, daß es nothwendig sei, den hier gebrauchten Ausdruck ywn näher zu erklären. Wir haben gesagt, daß er von denr chaldäischen Worte *no „überreden,, herkömmt, und eigentlich wörtlich mit „überrede dich" zu übersetzen sei. Im ersten Kapitel unserer Maßcchta, Halachah 13, lehrt Hillel wro wenam „Wer die Krone als Werkzeug gebraucht, vergeht." Mau soll Thorakenntniß und Weisheit, Tugend und Frömmigkeit um ihrer selbst willen lieben und diese erhabenen Eigenschaften und Besitzthümer nicht zur Befriedigung des eigenen Vortherls mißbrauchen. So lehrt auch Schrmaja: „Liebe die Arbeit und Haffe die Herrschaft, geselle dich nicht zu den Großen." Aber auch dieser Grundsatz hat seine Grenzen, und es können Umstände eintreten, die es dem wahrhaft edlen Menschen wünschenswerth machen, nach der Herrschaft zu streben, um für das allgemeine Beste wirken zu können, v» heißt nicht allein Mann, es heißt auch Herr. (Vergleiche Toßaphot Jom Tob, Aboth C. 1 § 3, ferner Bartinora zu Joma E. 1 8 3.) Wir haben daher die Schlußworte unserer Mischnah so zu erklären: „Und an dem Orte, an welchem es an geeigneten Männern fehlt, setze alle Bedenken bei Seite und überrede dich, nach der Herrschaft zu streben, Herr zu werden." Wen» du bei dir fühlst, daß du im Stande bist, für das allgemeine Veste zu wirken und daß kein Anderer so viel Gutes wie du an der Spitze der Gcmciude zu leisten vermag, so überrede dich selbst, daß du das Sceptcr ergreifest. In diesem Falle darfst du die Herrschaft nicht Haffen, in diesem Falle brauchst du auch nicht zu fürchten, daß du deine hohen Gaben mißbräuchlich in den Dienst des Ehrgeizes stellst; aber auch nur in diesem Falle. Wenn andere gleichwerthige oder gar mehrwerthige Männer da sind, dann überlasse ihnen gern und freudig das Führeramt. Diese Erklärung findet eine treffende Illustration durch einen Vorgang aus dem Leben Hillels. An der Spitze der Lehrer Israels, standen als Fürsten die Söhne Bethera's. Bei einem wichtigen Vorkommnisse wußten sic eine Entscheidung nicht zu treffen, während ganz Israel auf diese Entscheidung harrte. Da wurde Hillel, der aus Babylon Eingewanderte, anfgerufeu, und er entschied, wie er cs von seinen großen Lehrern Schemaja und Abtalkon gelernt hatte. Bei dieser Gelegenheit stellte es sich heraus, daß Hillel der weiseste Mann seiner Zeit war und daß ihm Niemand gleich kam. Die Sohne Bethera's legten ihr Fürstcnamt nieder, und Hillel wurde zum Fürsten ernannt. Er nahm das hohe Amt an, aber er nahm es nur ungern an. Damals geschah cs, daß der sanstmüthige Hillel in Zom geriet-, well es an Männern fehlte- und er in Folge dessen gezwungen war, an die Spitze seines Volkes zn treten.