Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1885)
- Date
- 1885-07-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449560--22627-2512257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1016 Leitender Artikel. Ire Sprüche der Däler- XXXI. Mainz, 27. Juli. Wir haben bei der Erklärung der ersten Mischna dieses Abschnittes (Nr. 37 S. 613 u. 614) den Ausspruch Rabbis rro» -u» ms» tosn nms nm msBn rmy "oan folgendermaßen erklärt: „Hub berechne den Schaden, den dn der gesanunte/. Wrltordnnng durch Unterlassung einer Mizwah zufngst im Vergleiche mit dem Großen, was du für die Gesammtheit leistest, wenn d» ein Gottesgebot vollziehst, und ebenso berechne das Vergnügen oder den Gewinn, die eine Sünde dir bringt, im Vergleiche danrit, daß du durch sie die Weltordnuug schädigst. Von dieser» großen und erhabenen Standpunkte ans soll der Jude seine heiligen Pflichten betrachten lernen. Eine jede dieser Pflichten ist von unendlicher Wichtigkeit nicht allein für uns, sondern für die ganze Wett. Denn werden wir die Sünde als etwas Schlechtes, Schlimmes, das der ganzen Welt zum Nachtheile gereicht, verabscheuen, dann werden wir uns fürchten, eine Sünde zu begehen. Um auf diesen hohen Standpunkt zu gelangen, muß man bereits eine hohe Stufe der Vollkommenheit erstiegen haben. Die letzte Mischna in Sota belehrt uns darüber, wie viele Vorstufen man erklommen haben muß, um die hohe Stufe von ren’ Non zu erreichen. Den Mann, der es durch eifriges Studium der Gotteslehre und durch den Umgang mit den Weisen nicht dahin gebracht hat, daß' er, wie oben dargelegt, über die Weltlenkung nachzudenken vermag, nennt Hillel einen tb; ein solcher kann wohl gottesfürchtig sein, redlich uud ehrlich, kann durch Entsagung selbst erlaubter Genüsse sich heiligen, kann in Demnth und Bescheidenheit auf Erden wandeln; aber die Sünde als solche kann er nicht fürchten, weil er von der unheilvollen Bedeutung einer sündigen That sich nicht hat überzeugen können. ■von pwi oy t&\ „und nicht kann ein „Aul Haarez ein Chasid sein." Den Begriff „Am Haarcz" haben wir im vorigen Kapitel (nach Berachoth 47 b.) festgestcllt; cs ist ein Solcher, der den Umgang der Weisen nicht genossen und nicht durch ihr belehrendes Wort in die Tiefen der schriftlichen und mündlichen Lehren eingcdrungcn. Es liegt uns nun ob, festznstellcn, was das Wort „Chaßid" bedeutet. In der mehrerwähnten Mischna in Sota ist nrron die höhere Stufe, die von mi hnt aus erreicht werden kann. Wie Non nsn* die richtige Würdigung der Uebertretung der Sünde bezeichnet, so liegt in nwon die richtige Würdigung und Bethätigung des Guten, der Mizwoth. Wer bedenkt, was er für sich und die Gesammtheit leistet, wenn er ein Gottesgebot erfüllt, wer bedenkt, daß er durch die Erfüllung eines Gottesgebotes zur Erhaltung der Welt beiträgt, der wird die Gebote Gottes über Alles lieben, der wird ein Chaßid sein. Im Traktat Berachoth 4a. wird uns der Begriff „Chaßid" an dem Beispiele König Davids dargelegt. Drei Gründe werden uns dort angegeben, warum David ein Chaßid genannt wird. Zum Ersten wird uns erzählt, daß David, wiewohl ein König, auf die Annehmlichkeiten des Lebens verzichtet und sogar den Schlaf sich entzogen habe, um Gott zu loben und zu preisen. Zum Zweiten wird uns berichtet, daß David, wiewohl ein König, seine Ehre gering geachtet im Vergleiche mit der Ehre Gottes, daß er im Dienste Gottes sich selbst unangenehmen und lästigen Pflichten freudig und gern unterzogen habe. Zum Dritten erfahren wir, daß David, wiewohl König uud der Höchste im Laude, seiner eigenen Ansicht nimmer verttaute, wann es sich um heilige Dinge handelte, sondern stets den Rath seines Lehrers Mephiboscheth einholte. Der Vergnügungssüchtige, der Ehrgeizige, der Stolze kann kein Chaßid sein. Wer aber selbst erlaubte Vergnügungen sich versagt, wer mit Aufopferung den Mitmenschen zu dienen und zu nützen sucht, wer Andere höher stM als sich selbst und sich, trotz seiner hohen Würde und bevorzugten Stellung, gern belehren läßt, das ist ein Chaßid. Um diese hohen Eigenschaften im vollkommenen Grade zu erwerben, dazu bedarf es des tiefen Eindringens in die Wahrheiten der Gotteslehre, dazu muß mau sich erziehen, und das beste Mittel ist der lebendige Umgang mit den wahrhaft Weisen, die Beobachtung ihres Denkens, Thuns und Handelns. Daher kaim ein Am Haarez kein Chaßid sein. Wir haben soeben dargelegt, daß es zu den Eigenschaften eines Chaßid gehört, daß er der eigenen Einsicht nicht unbedingt vertraue. Diese Eigenschaft entspringt aus der Vorstufe des Chaßiduth, der Ncn hnt. So Jemand die Sünde fürchtet, wird er seine Anschauungen sorgfältig prüfen und sie durch Andere, Weisere prüfen lassen, ehe er sich ein Urtheil bildet oder zur That schreitet. Nur dann wird er zur wahren Weisheit gelangen und seine Weisheit sich erhalten. Diesem Gedanken hat Rabbi Ehanina ben Doßa Ausdruck verliehen, indem er sagt: „Jeder, dem seiner Weisheit die Furcht vor der Sünde vorhergeht, dessen Weisheit