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Der Israelit · 1885-07-27 · Heft 59 (27.7.1885) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 59 (27.7.1885)
Date
1885-07-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXVI. Jahrgang. KeÜilgk zu Ur. 39 des Israelit. Leitender Artikel. *»• _ Hrauer oder Trost? Von Dr. H. Säuger. (Schluß.) „Wenn man Dich anftindet", damit tröstet uns die hl. Schrift. Auch wir heute, die wir uns so ganz hineingelebt haben in unsere Lage, sollen es suhlen, daß wir nicht die Stellung einnehmen, die uns gebührt, die uns ermöglicht, unsere ursprünglichhohe Aufgabe zu erfüllen. Unser Volk muß heute endlich wieder fühlen, daß es seine Lage und seine Aufgabe ganz und gar verkennt, eigentlich sich gar keine Aufgabe mehr stellt, sondern sich einfach in die Lage hineiuzufinden sucht, in die cs durch die Verhältnisse gcrathen ist. Ich meine nicht seine gesellschaftliche und politische Lage, sondern die Stellung als Mensch, als religiöser Mensch. Alle Völker haben Religionen, und um diese dreht sich das ganze Leben. Und wenn auch Einzelne glauben, es könnte heute ein Volk auch ohne positiven Glauben sich gesund entwickeln, es genüge,' wenn ein Jeder vernünftig lebe; so hat sich doch in kurzer Zeit herausgestellt, daß aller sittliche Halt dem einzelnen Individuum sowohl, wie auch ganzen Völkern verloren geht und eine Begriffsverwirrung einreißt, die verderblich ist. Unser Volk ist noch nicht zu dieser Einsicht gelangt, daß es auch eines religiösen Halts bedarf, daß es auch Bekenner und Vertreter der jüdischen Religion zu sein nöthig habe. Man wollte confessionslös sich die Stellung unter den andern Religionen theils erkämpfen, theils erhalten. Ohne cs recht zu wissen, daß gerade das der wunde Punkt, die schwächste Seite unseres Volkes ist, setzte gerade da der Haß an, wo er eigentlich von seinem Standpunkte aus, die wenigste Veranlassung gehabt hätte. Ohne daß unser Volk es wollte, ohne es recht zu begreifen, war es gezwungen, diese seine schwächste Seite, die es aber als seine stärkste innner herauskehrt, zu vertheidigen und zu verstärken, um sich der Angriffe zu erwehren. Wenn man diese überraschende Erscheinung der Neuzeit so recht aufmerksam verfolgt, so finden wir recht deutlich die Hand Gottes, unseres hinnulischen Vaters, hier eiugreifen. Auf der einen Seite die Strafe für den Abfall und die Verirrung, auf der anderen Seite der rettende Ausweg, die helfende Hand aus diesen Irrwegen, in die unser Volk gerathen. Es war nach menschlicher Berechnung gar nicht abzusehen, wohin denn unser Volk mit seiner Verachtung aller Religion kommen sollte. Heute aber, wo wir gezwungen werden, unsere Religion, uns selbst zu vertheidigen, da ist cs eine logische Eonsequcnz,daß auch diejenigen, die immer noch diese neueste Erscheinung leichthin nehmen, noch immer sich hinwcgsetzcn über ihr Jndcnthum, und von Religion nichts wissen wollen, dennoch wieder über kurz oder lang zu sich selbst kommen und damit auch zum Nachdenken, zur Erkenntniß, geradeso wie auch in Egypten unser Volk, nachdem es wieder fühlen mußte, daß cs nur eine untergeordnete Stelle dort eiuuahm. auch wieder erkannte, daß cs auch einen Berns habe, Bekenner des Einen Gottes zu sein und sich wieder dieses Einen Gottes erinnerte. D’p^xn cnjw tyn», „da stieg sein Flehen hinauf zu Gott, dem Richter." Freilich so weit sind wir heute noch nicht. Mau erblickt noch nicht Gottes Hand, man glaubt ja gar nicht an Gottes Walten und man sträubt sich einzugestehcn, daß wir auf falschen Dahnen heute wandeln, daß wir verantwortlich sind dafür, daß wir heute andere Uebcrzengung gewonnen. Kommt aber der Moment, daß, was Gott gnädig verhüten wolle, unsere Stellung noch unerquicklicher, daß die feindliche Stimmung gegen uns intensiver wird — und wen» nicht alle Anzeichen trügen, werden gerade die neuesten Gerichtsverhandlungen gegen einen der erbittertsten Feinde des Judenthums aus begreiflichen Gründen den Haß noch schüren — dann erst wird inan den harten Nacken wenden. Bis jetzt hat man sich um Hilfe au den Richter gewendet. Es hat in den meisten Fällen nicht viel genützt, keineswegs aber den Feind zum Schweigen gebracht. Gegen äußere Gewalt mögen wir wohl geschützt sein, aber nicht auch gegen die Wühlereien, die allmählich die allgemeine Stimmung gegen uns vergiften. Und falsch ist es, den Feind in diesen äußeren Gegnern allein zu suchen, die eigentliche feindliche Macht ist unter uns selbst, die Macht, die sich jeder Erkenntnis; ihrer Fehler und Schwächen absichtlich verschließt. Nun,auch Pharao» harter Sinn wurde gebrochen, sein Verschließen der Auge» gegen die ihm im Voraus durch Moscheh angekündigte» Strafen auch dann noch, als sie eintrafen, hat es I nicht verhindern können, daß er sich fügen und beuk gen mußte. So wenig wir, auch nicht einen Augen-

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