Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-07-23 · Heft 58 (23.7.1885) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 58 (23.7.1885)
Date
1885-07-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449558--22594-2512222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXVL Jahrgang. Erste KrUage zu Nr. 58 des JsrueM. Artikel. Hr«mer oder Hrost? Von Dr. H. Sänger. . Wenn wir die eigeuthümliche Art und Weise sowohl der Anschauungen Äcr Juden und Judenthum, als auch der Lage derselben in Betracht ziehen und das Verhcckteu der nichtjüd-.schen Welt sowohl, wie auch das eines großen Theiles der Inden selbst gegenüber dem jüdischen Volke als ein geradezu feindliches, erkennen müssen, so erscheint die obenangestellte Frage, ob wir, die Jüdischfühlenden unter den Juden, darüber trauern sollen, oder auch darin einen Trost finden dürfen, ganz und gar nicht zweifelhaft. Trostloser als diese äußere Anfeindung und Verleumdung, welche wir nach 18 Hundert Jahren, ungeachtet aller Anhänglichkeit, aller Treue und Aufopferung unserem Vaterlande gegenüber, heute noch zu erdulden haben, ist der innere große Zwiespalt, die ertödtende Gleichgiltigkeit, mit welcher der moderne Jude sein Judeuthum erträgt, so daß kein Gefühl der Scham, des Schmerzes, der Entrüstung ihn erfaßt, selbst wenn mau ihm offen, sogar von Seiten seiner bisherigen guten Freunde, seine Angehörigkeit zum jüdischen Stainnre zum Vorwurf macht, darin «neu Makel, einen unauslöschlichen Makel erblickt; diese ertödtende Gleichgiltigkeit, mit welcher mau Mes über sich ruhig ergehen läßt, ruhig hinnirnnlt: Hohn, Spott, Verleumdung, Verachtung, als ginge es ihn nicht an, als hätte er kein Ehrgefühl, als gäbe es für ihn, den Juden, nichts im Judeuthum und in seiner Abstammung, was man nicht herabsetzen, entwürdigen dürste; diese ertödtende Gleichgiltigkeit, die ihn als den Feigsten unter allen Feigliugen erscheinen läßt, oder als den Gefühllosesten unter allen Gefühllosen, wahrend es doch nur — selbst das ist ein schwacher Trost — tödtliche Blasirthest ist, ein krankhafter Zustand. Die Meisten dieser Kranken sind in Wirklichkeit nur so lange krank, als sie es sein wollen. Wird aber dieser negaüve Wille, sei es durch was immer für einen Vorfall, aufgerüttclt, so daß er sich aufraffen kann, zu einem anderen Wollen, dann ist Heilung leicht möglich. Schlagen wir das Bnch der Bücher auf, in welchem so viel. Weisheit verborgen, wo so viel Wahrheit, so viel Lebensklugheit nicdergelegt ist, und forschen wir in seinen Blättern, ob wir uns nicht Raths, nicht Trost aus ihnen erholen können bei all der Trostlosigkeit der heutigen Erscheinungen. Im V B. C. 4 B. 30 heißt es: naw D’ö’n mroo rhan o’-mn b* *]wsoi tq "st *6 1'pb« '1 n;m bn '2 .'fopn njjettn 1'xör« ‘ny :nnb jow ibm i'mr« rro nx raer wh irrner r6, „Wenn Du in Bedrängniß bist und es haben Dich betroffen all diese Dinge in späten Tagen, dann wirst Du zurückkehren zu dem Ewigen Deinem Gotte und wirst hören auf Seine Stimme. Den» ein barmherziger Gott ist der Ewige, Dein Gott, er wird Dich nicht lassen, Dich nicht verderben und wird nicht vergessen den Bund Deiner Väter, den er ihnen geschworen hat." Und als Pendant zu diesen Worten der heiligen Schrift bemerkt Rabbi Elasar, daß Israel aus Egypten durch fünf Dinge erlöst wurde, ms inw „durch Roth," rown -pno „durch Umkehr," ms: •pno nnN „durch der Väter Verdienst," v'vrn -pno "durch Gottes Barmherzigkeit," ppn -pro „und durch das Ende" „und so heißt es auch: „sie seufzten," „ihr Flehen stieg auf zu Gott", „Gott gedachte seines Bundes," „Gott sah die Kinder Israels" „und Gott merkte auf sie." „Einst werden sie gleichfalls durch diese fünf Dinge erlöst werden." Der Trost und die Hoffnung, die für uns unsere Weisen aus den oben angeführten Worten der h.Schr. schöpfen in Hinweis auf die vergangene Geschichte, auf jene erste Erlösung, könnten eigentlich uns nicht sehr froh und heiter stimmen. Denn als erster Schritt zur endlichen Erlösung wird daS *£> to „wenn Du in Roth und Bedrängniß bist" hiugestellt. Und diese Roth, diese Bedrängniß ist die Folge unserer Zerstreuung, der Entartung unseres Volkes, das andere Götter anbetet, Menschenwerke verehrt und den reinen, erhabenen Gottesbegriff verloren hat. „Wenn man Dich anfeindet", damit beginnt nach der h. Schrift unsere Erlösung. Eine überraschende Erscheinung in der That, daß man uns heute unserer Religion halber anfeindet, während doch, wie das auch -er nkchtjüdischen Welt kein Gehcimniß ist, ein großer Theil der Juden heute der jüdischen Religion und ihren Gej setzen den Rücken gewendet hat. Darum kommt eS ' auch den modernen Juden so unbegreiflich vor.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.