Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-07-23 · Heft 58 (23.7.1885) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 58 (23.7.1885)
Date
1885-07-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449558--22592-2512220
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

985 ander, wie man bei uns kaum einen Begriff davon hat. Es beweisen dies schon die verschiedensten nron und Einrichtungen, die da sind, aber auch privatim ist dies der Fall. Es schickt z. B. bei freudigen sowohl als traurigen Anlässen die ganze Nachbarschaft den betreffenden Familien Geschenke, so daß mancher Kranke und manche arme Wöchnerin davon sich erhält, wobei' man nicht außer Acht lassen darf, daß die Schickenden selbst arme Leute sind. — Ich selbst habe einen armen Arbeiter kennen gelernt, der ziemlich angestrengt arbeitet, aber sehr kärglich lebt, um für seinen erübrigten Verdienst armen Kranken oder Wöchnerinnen Fleisch oder sonst Etwas schicken zu können, — Za sogar Bettler gibt es, die das Erbettelte dazu benützen, Anderen Gutes damit zu erzeigen. — Was leisten in dieser Beziehung nicht Alles die Vorsteherinnen der Supven- und Brodanstaltcn, die wirklich vor keiner Dernüthigung zurückschrecken, um von Einzelnen Spenden zu erhalten, damit sie an alte, gebrechliche Menschen Suppe, Brod oder Kaffee verabreichen können. Die Beschäftigung der dortigen Juden im Allgemeinen ist durchaus nicht, wie so viele Leute glauben, ausschließlich das „Lernen" oder i"n gar keine, wie so Manche sagen, um sich dadurch von der Pflicht der Unterstützung los zu machen, sondern es sind vielmehr alle Handwerke unter den Juden Uertretcn; es gibt da Schreiner, Anstreicher, Schlosser, Schmiede, Glaser, Schneider, Schuhmacher, Drechsler, Kupferschmiede, Uhrmacher, Buchbinder, Maurer, Bäcker re. ebenso beschäftigen sie sich mit allen Handelsartikeln. Daß die Leute fleißig sind, wenn sie nur Arbeit haben, wurde mir von allen Seiten bestätigt; allein man vergesse nicht, wenn es schon bei uns sehr schwer ist für einen Handwerksmann, mit Familie sich zu ernähren, so wird es dort beinahe unmöglich, weil die Armuth eine allgemeine und in Folge davon, sowie in Folge der Landcssitteu die Bedürftlißlosigkeit eine viel größere ist. So hat z. B. ein Schreiner keinen Stubenboden zu machen, weil die Böden, mit wenigen Ausnahmen, von Stein sind; Zimmereinrichtung hat der Araber auch nicht nöthig, weil er sowohl beim Effen als auch bei anderen Beschäftigungen auf der Erde sitzt, ja er legt sogar seine Matratze des Nachts auf den Boden und schläft darauf, und das thun nicht gerade die Aermsten, sondern die Reichsten, die nach der Landessitte leben. Ist aber eine Arbeit zu niachen, so wird sie so gering bezahlt, daß eben eine solche Genügsamkeit dazu gehört, wie sie unsre dortigen Brüder haben, um mit dem Verdienst die allernothwendigsten Bedürfnisse zu decken. Es ist deshalb nach meinem Dafürhalten mit der Errichtung von Handwerkerschulen, wonach so große Sucht herrscht, nichts gethan; es wäre erste und höhere Pflicht, die bestehenden Meister mit Geld zu unterstützen, damit sie ihre Erzeugnisse weiter verbreiten, oder nach anderen Ländern deren Verkauf selbst leiten könnten, wenn überhaupt ein Export zu ermöglichen ist, wie vielseitig behauptet wird. So existiren in Jerusalem ca. 30 Arbeiter in Holzdrechslerei, von denen ich verschiedene kennen lernte. Sie können am Platz wenig oder nichts von ihren Produkten . los werden, von dein Verkaufe an fremde Juden, deren jedes Jahr einige hinkommen, vermögen sich nicht viele zu ernähren, vielleicht keine drei; Geld, um Maaren anzufertigen und sie in andere Länder zum Verkauf zu schicken, haben die Leute nicht; was also sollen sie thnn? für die Mission arbeiten? — Betrachten wir die Missionsgesellschaft. Dieselbe beschäftigt wohlorganisirt zahlreiche Hände in denselben Artikeln; da kommen denn viele Fremde hin und kaufen, und ist dies nickt der Fall, so können die Meister und kleineren Arbeiter ihre Produkte bei ihnen abliefern und bekommen Geld, wodurch sie sich frisches Rohmaterial zu beschaffen im Stande sind. Dasselbe Verhältniß besteht in Betlehem bei den Perlmntterarbeitern, auch sie finden Käufer in Amerika und Europa, die es oft weniger aus Bedürfniß, als der Sache zu Liebe sind. Ich glaube, es wäre für uns am Platze, hier etwas von Andern zu lernen. Wir mußten in Europa 2c. Vereine gründen, die den bestehenden Meistern ihre Waare abnehmen und sie verkaufen, und ist dies erzielt, dann erst können wir daran denken, Lehrlinge ausznbilden. Schulen müssen natürlich vorhanden sein, damit die Kinder eine ordentliche Bildung bekommen, ihre Landessprache lernen und brauchbare, intelligente Menschen werden. In erster Linie jedoch sollen sie den dortigen Verhältnissen entsprechend, tüchtig „Indisch" lernen, damit der Spruch .-.im aran p'8v v ungeschmälert forterhalten werde. Ich habe fleißige Arbeiter der verschiedenen Branchen beobachtet, die am Tage eifrig ihrer Arbeit nachgehen, aber halbe Nächte sitzen und „lernen;" überhaupt ist der Geist der mm G. s. D. noch in solchem Grade lebendig, wie ich es nicht zu schildern vermag. Sehen wir nun den Fleiß der Leute, ihre Armuth und Genügsamkeit, ihre aufrichtige Jüdischkeit, so schmerzt cs uns doppelt, daß Tausende und Abertausende von europäischen Juden ein so kaltes Herz für jene Mitbrüder zeigen und mit den alltäglichen Redensarten um sich werfen, wie: ja es kommt das immense Geld hin und nützt doch nichts, die Leute sollte» sehen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.