Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 56 (16.7.1885)
- Date
- 1885-07-16
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449556--22566-2512192- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 150 — sich hier anzusiedeln, ohne mit den nöthigen Mitteln ausgerüstet zu sein. „Ich hatte Euch ja gewarnt,“ fahr ich fort, „als Ihr noch in Jaffa wäret, dass Euer Plan verwerflich ist. A.uf wen wollet Ihr Euch nun verlassen? Unsere reichen Glaubensgenossen sind taub ftir die ITlagAn der armen Oolonisten in Palästina Die wenigen Zionsfrennde haben in der Umgegend von Jaffa Pflichten zu erfüllen. Niemand kümmert sich um die Verlassenen. Ein Einziger nur, der nicht müde und nicht matt wird, uns nach Kräften zu unterstützen, aber dieser kann den neuen Oolonisten sein Augenmerk nicht zuwenden. Nach meiner Ansicht sollen diejenigen Männer, denen es möglich ist, wieder zurück* kehren und den Anderen auf irgend eine Weise behilflich sein; vielleicht finden sie Gelegenheit, die Oolonie auf eine bessere Grundlage zu bringen.“ Kaum hatte ich diese Worte geendet, als der Mann mir Folgendes mit lauter Stimme erwiederte: „Nein! Das wird niemals stattfinden. Nie will ich mich von meinem Besitzthume trennen und hier will ich bleiben. Ich könnte mich von meinem geliebten Weibe trennen, ich könnte meine lieben Kinder verlassen, die ganze Welt mit allen ihren Schätzen vergessen, Alles, was das Leben verschönert, entbehren, aber nicht kann und nicht will ich mich von meinem Be* sitzthnme trennen. Die Liebe zu ihm ist mir zu tief ins Herz gegraben und wird mit jedem Tage stärker. Hier will ich leben, wenn auch in Gram und Kammer, hier will ich Hanger und Noth ertragen, ja, wenn uns der Allgätiga keine Hilfe schickt, so will ich von Mangel aufgezehrt hier mein Grab haben.“ Diese gewaltigen Worte aus dem Munde eines schlichten Mannes, der in seinem Leben zu Phrasen keine Gelegenheit hatte, zeigten mir, wie stark die Liebe zum heiligen Boden bei diesen Leuten ist, denn diese Worte woran mit dem Brusttöne der Wahrheit und des überzeugenden Ernstes gesprochen. Meine Augen füllten sich mit Thronen der Freude und Schmerz. Schmerz, weil ich das Elend der wackeren Männer sah; Freude, weil sich hier offenbar in dieser Liebe zum heiligen Lande die göttliche Hand zeigte. Die Leute hoben dann die Fruchtbarkeit des Bodens hervor und sagten, dass die Araber den Platz deshalb auch Weizenort nennen. Der Eine versprach mir, noch anderen Tages in den von ihnen angelegten Obstgarten zu führen, von dem sie binnen Jahresfrist die herrlichsten Früchte erwarten. Man kann nämlich das Wasser aus dem See durch Kanäle oder Maschinen leicht hierherleiten; die Luft ist gut, die Hitze wird durch die Nähe des Wassers gemildert, welches sehr gesund und klar ist. Der Fischfang ist sehr ergiebig. Die Leute klagten mir ferner, dass Keiner von ihnen des Schreibens derart kundig sei, ihre Lage in einer Zeitung zu schildern, wodurch man vielleicht eher auf Hilfe von auswärts rechnen könnte. Wir unterhielten uns so bis Mitternacht und gaben uns daun der Buhe hin, aus der wir durch die eisige Kälte am Morgen geweckt wurden; unsere Haare und Decken waren mit Reif überzogen. Um kein Fieber zu bekommen, sprangen wir auf and tranken warmes Wasser. Sodann ritten wir hinaus, um den Garten in Augenschein zu nehmen. Ich staunte, wie schön die Pflanzungen, die doch kaum ein Jahr alt waren, standen. Aber wie liebevoll sind auch diese Leute gegen diese Anpflanzungen; sorgfältiger kann kaum eine Mutter gegen ihr Kind sein, oder mit grösserer Liebe von ihm sprechen. Endlich trennten wir uns; sie baten mich, ihre Klagen den „Zionsfreunden“ znr Kenntnis» zn bringen. Ich versprach es ihnen und erfülle hiermit mein Versprechen; vielleicht sind diese Zeilen den Bedauerns werthen von einigem Nutzen. Mordechai Lübmann. Aus Warschau, dem Hauptsitze des Vereins „Chowewe Zion“ wird uns mitgetheilt, dass seit der Oonferenz in Kattowitz im vergangenen November die Bewegung für die Colonisatiön des heiligen Landes viel an Boden gewonnen hat. Achtundfunfzig Vereine haben sich als Zweigvereine der in Kattowitz gebildeten Montefiore - Gesellschaft constituirt. Einige dieser Vereine zählen viele Mitglieder, besonders diejenigen in Lodz, Lublin, Block, Pinsk, Dünaburg, Wilna und anderen grossen jüdischen Gemeinden in Russisch-Polen. Die Förderer der Bewegung beklagen sich bitter über die ausserordentliche Gleichgiltigkeit, mit welcher die Juden in Berlin der Golonisationsbewegnng gegenüber stehen, da doch, wie in Kattowitz vereinbart wurde, gerade