Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 56 (16.7.1885)
- Date
- 1885-07-16
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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— 158 — zu Lande am häufigsten vorkommende Krankheit, verschont diese Golonie und nur im Sommer treten als Folge der Winde Augenkrankheiten auf. Es leben hier sechsundzwanzig rumänische und fünf russische Familien mit zusammen circa 150 Personen. Die Golonie ist in diesem Sommer vollständig mit Häusern, Ställen und was sonst zum Ackerbauen nothwendig ist, eingerichtet und den Familien übergeben worden. Jetzt baut man auch schon an einer kleinen Synagoge und einer Schule. Der Lehrer wird Herr Os chrin sein, der sich früher in ffipö als solcher aufhielt. Die Felder sind etwa eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt; sie liegen zerstreut zwischen den Aeckern der Felachen, die zu demselben Dorfe gehören. Das bestellbare Feld beträgt 2000 Dunam, die Weideplätze 1000 Dunam. Der Boden ist nicht schlechter als der bei Jaffa; auch ist er billig. Während bei Jaffa ein Livre per Dunam gegeben wird, kann man hier schon für 8—10 Francs einen Dunam erhalten. Fünf russische Familien stehen nicht unter der Protection des Edlen, denn sie bedurften derselben nicht, kauften ihr Besitzthum selbst und traten zwei Drittel davon an rumänische Judenab. Erst als durch einen unglücklichen Zufall einer von ihnen einen Araber unversehens tödtete, brach Armuth und Noth über sie herein, sie mussten sich an den Edlen wenden, der ihnen auch Unterstützung gewährte. Allein diese Unterstützung ist zu Ende gegangen und sie befinden sich jetzt in grosser Noth. Zwei von ihnen haben noch keine Häuser und sehen der Regenzeit mit Angst entgegen, dabei fehlt ihnen auch das nötbige Vieh, das Saatkorn u. s. w. Während meines Aufenthaltes in H3SS UftO entschloss ich mich, noch einmal mich nach dem Befinden meiner Glaubensbrüder in rfrSttH "TD* umzusehen, und so wanderte ich eines Tages in Begleitung zweier Golonisten dem Jordan zu, den wir nach zweistündigem Ritte erreichten. Eine alte Brücke führte uns über den für Israel so theueren Strom, und nach weiterem einstündigem Marsche, als die Sonne bereits sich zum Untergange neigte, wurden wir von dem herrlichen Anblicke des Meromsees überrascht, dessen Oberfläche die letzten Strahlen der untergehenden Sonne wiederspiegelten. Das Bild war reizend, das prächtige Wasserbecken ringsum vom herrlichen Grün der Sommerfrüchte eingefasst, darüber der dunkelblaue, mit den allmählich zum Vorschein kommenden Sternen besäcte Himmel, dabei die abendliche feierliche Stille, die nur von dem Geräusche gestört wurde, das unsere Pferde verursachten. Bald hatten wir das von Gärten umgebene Dorf erreicht, ein lieblicher Duft von Blumen und Früchten strömte uns entgegen, indem die reine, aber kalte Nachtluft uns umspielte. Die Dorfleute nahmen uns freundlich auf; Jeder drang in uns, bei ihm einzukehren. Endlich kamen die jüdischen Golonisten und wir Hessen uns auf eine auf den Boden gelegte Decke nieder. Dieser Ort ist wirklich herrlich und ich freute mich sehr, dass ich hierher gekommen war, einen von der Natur so bevorzugten Platz, wie ich noch keinen anderen getroffen, zu sehen. Als ich mich in diesem Sinne aussprach, antwortete mir einer der Golonisten, den ich von früher kannte: „Es ist so, wie Du gesprochen, allein Armuth und Elend lassen uns nicht zum Genüsse der Naturschönheiten kommen. O, könnten wir im Schweisse unseres Angesichtes nur so viel erwerben, dass wir trockenes Brod hätten; es würde uns mit dem Wasser des Sees besser schmecken, als mancbemAnderenFleisch undWein. Mit Schrecken sehen wir der Zukunft entgegen! Sehet, Ihr seid uns liebe Gäste, aber wir können Euch doch kein Nachtquartier geben; denn wir selbst wohnen neun Familien mit Frauen und Kindern in einem Rinderstalle, zusammen mit den Gänsen und Hühnern, die wir aus Russland mitgebracht haben; wir Männer schlafen unter freiem Himmel. Was werden wir aber im Winter machen? Wo sollen wir das eine Pferd unterbringen, das unseren ganzen Besitz an Vieh bildet? Was sollen wir säen? Unser Getreide wird mit jedem Tage weniger, und wie werden wir das Jahr herum bringen? Diese Fragen betrüben unser Gemüth und eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigt sich unser, so dass wir wie träumend einhergehen. Verzeihe uns, dass ich Dir unsere Klagen vorbrachte; allein ich weiss, dass Du einigen Antheil an unserem Loose - nimmst.“ \ Thränen schimmerten in den Augen des Sprechers, als er endete. Um ihn and seine Kameraden zu trösten, sprach ich dies und jenes, allein es war nur Salz auf ihre Wunde. Ich machte ihnen Vorwürfe über die Leichtfertigkeit,