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Der Israelit · 1885-07-13 · Heft 55 (13.7.1885) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 55 (13.7.1885)
Date
1885-07-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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933 wohner c'uics Mordes geziehen haben. Man darf also bei uns tausend friedliche Einwohner eines Dorfes Mörder nennen und die anderen zweitausend gegen sie Hetzen. Die Inden aber bleiben ruhig. Ob er aber nicht auch cmpfindich ist, das ist eine andere Frage. Die Empfindlichkeit, das muß ich als Jude gestehe», haben wir »ns leider nicht abgewohnt. Es wird vielleicht mit der Zeit gehen, aber es ist bis jetzt noch nicht gelungen, und infoferne hat die Mahnung des edelmnthigen Bischofs, die Juden von Marczali mögen nicht zu empfindlich sein, eine gewiste Berechtigung. Die Frage ist nur die, wie man die Empfindlichkeit los wird? Das Einfachste wäre, wenn die Beleidigungen verhindert würden, nicht im Einzelnen, denn das lässt sich schwer durchführen, und da muß sich jeder selbst helfen, aber die öffentlichen Elasscnbeleidignngcn. Wir haben ein Gesetz, aber cs wird einseitig gelähmt, sobald cs sich um die Ahndung solcher Beleidigungen handelt. Wir haben eine große, intelligente Elaste von Christen, welche solche Rohheiten entschieden verachtet; diese Classc thut aber, außer einigen hervorragenden Männern von Geist und Mith, nichts gegen die Beleidiger, sondern denkt im Stillen : „Es schadet am Ende nicht, wenn man ihnen das Leben sauer macht. Den schlechten Juden geschieht damit recht und die anständigen braucht es nicht zu kümmern." Das ist wie. mit dem Manne, der im Eisenbahn-Coupe halbschlafend nach Boglür cinfährt und den Lauten Ruf vernimmt: „Sie, Herr Mayer!" — der darauf neugierig den Kopf zum Fenster hinaussieckr und angenblicklch eine schallende Ohrfeige bekommt, worauf sich der Zug prompt in Bewegung setzt. Ter Gcohrfcigtc steigt in Kcßthcly aus, um beim Stuhlrichter Klage zu führen. Er erzählt den Fall. „Wie heißen Sie?" fragt der Stuhtrichter. — „Ich heiße Kohn." — „Kohn? Sie heißen also gar nicht Mayer? Dann geht Sie die Geschichte ja gar nichts an." — „Ja, aber..." — „Kein Aber!" entscheidet der Stuhtrichter, „ein andermal stecken Sie den Kopf nicht zum Fenster hinaus, wenn Mayer gerufen wird." So ungfähr macht cs die antisemitische Intelligenz mit der Judenhetze. Sie gibt zu, daß cs anständige Juden gibt, aber die sollen eben den .Kopf nicht zum Fenster hinaussteckcn, wenn Mayer gerufen wird. Bekommen sie aber eine Ohrfeige, so sollen sie denken, daß die nur dem Mayer gilt und nicht zu empfindlich sein. Nicht zu empfindlich! Die Frage ist nur die, ob man dem gegenüber, was gerade die Vesten und Anständigsten unter dm Juden von unseren Zuständen zu leiden haben, überhaupt zu empfindlich sein kann? Ich spreche nicht von dem Treiben der gewerbsmäßigen Antisemiten. Die Dummheit und Schlechtigkeit dieser Leute ist elementar; dagegen kämpfen, so lange die Mode nicht ganz vorüber ist, selbst Minister vergebens. An diesem vcrhältnißmäßig kleinen Kreise läge auch wenig, denn man erkennt von Tag zu Tag mehr, daß die Leute davon leben und daß sie den Brand brauche», um ihre eklige Suppe daran zu kochen. Aber Tausende von Antisemiten gibt cs, die. im Ganzen ruhig bleiben, entschieden leugnen, Antisemiten zn sein, aber im Stillen denken, die Bewegung sei gut, um die Kaftanlcute und Branntweinmischcr, die cingewandcrtcn schmutzigen Juden aus Galizien abzuschrecken. Sie sagen: Das Schimpfen und Hetzen kommt vom Pöbel und geht nur gegen den Pöbel. Der ordentliche Jude braucht sich nicht darum zu kümmern. Also nicht empfindlich sein. Das heißt, wenn ich lese, daß die Juden von Hans aus auf Betrug, Hinterlist und heimliche Blutabzapfung ausgehen, soll ich zu mir sagen: „Was geht das mich an? Ich trage reine Wäsche, bin protokollirter Kaufmann in der Stadt, Stadtrath und Mitglied der Handelskammer. Meine christlichen Nachbarn grüßen mich und geben mir die Hand." So müßte ich sprechen, wenn ich nicht cmpsiudlich wäre. Nun, ich glaube, kein anständiger Christ würde mich darum höher schätzen. Ich selbst aber, ich käme mir dadurch wahrlich niedriger vor, als der letzte Bünkeljude. Ja, wer soll denn empfindlicher sein, als Derjenige, der feiner als die Anderen empfindet? Das bedenken eben die Toleranten unter den Antisemiten nicht, daß alle die Schmähungen und Beschimpfungen, die wir mit Verachtung überhören sollen, gerade Diejenigen nicht treffen, denen sie von der toleranten Gentry gegönnt werden, und daß sie gerade Diejenigen treffen, die sich darüber erhaben dünken sollen. Der Wucherer und Blutsauger, der geht nach Gewinn und nicht nach Ehre; den kümmert nicht die Zeitung, sondern das Strafgesetz; der schccrt sich nicht um die Achtung seiner christlichen Nachbarn. Er steckt die Perccntc ein und läßt sich hinterher getrost einen Spitzbuben schelten. Im Gegcnthcil, ihm ist der Antisemitismus eher eine Erleichterung, als eine Pein; denn unter diesem Vorwand kann er alle Schmach, die seiner persönlichen Niederträchtigkeit gebührt, aus Rechnung des religiösen Borurtheils schreiben.

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