Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1885)
- Date
- 1885-07-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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929 wollte jetzt selbst den Handel einleiten; aber der Gärtner erklärte ihm, daß er ihm mir einen Theil der Blumen Massen könne, da die Inden schon seit Jahren Guirlanden und Kränze bei ihm kauften, und er schon seit dem vorigen Laubhüttenfeste Bestellungen hätte, die er. aus geschäftlichen und moralischen Rücksichten ausführeu müsse. Aergerlich und beschämt ging Dr. Wenzel davon. „Dr. Scharf hätte mir dieses ersparen können," sagte er, „warum er nur nicht da war, er hat ja den Auftrag freiwillig übernommen; ich muß ihn deßwegen doch einmal in seiner Wohnung aufsuchen." Der gute Mann war zornig auf Dr. Scharf und hätte ihn am liebsten tüchtig zur Rede gestellt; denn Dr. Wenzel sah in Scharf» Benehmen eine Verletzung des Respekts; er wollte ihm dies bemerkbar machen und gleichzeitig ihn wissen lassen, daß dergleichen Respektswidrigkeiteu, seine Carrivre durchaus nicht beschleunigen könnten. Er ttaf Dr. Scharf im Bett; die Angst, daß Moritz gegen Müller gerichtlich Vorgehen und dieser ihn als den Hauptschuldigen angeben würde, verursachte ihm solches Zähneklappern, daß er sich zu Bett hatte legen müssen. „Ach Ehrwürden, lieber, guter Herr Doctor, helfen Sie mir, retten Sie mich," wimmerte er, und unter Zähneklappcrn erzählte er Dr. Wenzel, was sich zugetragen, seitdem er sein Hans verlassen. „Ich habe ja nur zur Ehre Gottes so gehandelt," klagte er, aber Dr. Wenzel wollte mit Einem, der mit dem Gericht in Eonftikt gekommen, nichts zu thun haben. „Mann," rief er, „was haben Sie gethan, Briefe unterschlagen, wissen Sie, was das bedeutet?" „Helfen Sie mir, retten Sie mich," stöhnte der Mann im Bette. „Kann ich helfen? Gott muß Helsen," sagte Dr. Wenzel, „ich will mein Gebet mit dem Ihrigen vereinen, daß die Sache nicht dem Gericht übergeben werde, es würde unsere Gesellschaft schwer, sehr schwer compromittiren. Wir wollen bekehren, aber rveder mit List noch durch Gewalt, sondern durch Liebe. Ich kann Sie nicht schützen," sagte er kalt, „und einstweilen gehören Sie der Gesellschaft nicht mehr au; ich werde wegen des Falles nach London berichten, nur von dort Instructionen wegen Ihnen zu empfangen." Die Klugheit gebot ihm, Doktor Scharf seines Amtes in der Gesellschaft zu entheben, damit die Welt erfahren könne, das die Uebergripe ihrer Missionäre von den Missionsgesellschasten geahndet würden. Aufgeregt verließ er den unglücklichen Dr. Scharf und begab sich nach der Wohnung der Frau Born, er stellte sich Frau Born vor und wurde von dieser herzlich erfreut ausgenommen. — „Ich komme, Sie zu warnen vor Geistlichen, wie Doktor Scharf", sagte Ehrwürden Wenzel und faßte die Hand der frommen Frau. „Bor Doktor Scharf?" sagte die Frau erschrocken „vor dem frommen und guten Doktor Scharf?" — „Ich will weder den Charakter noch die Religiösität des Doktor» angreifen", sagte Wenzel, „obschon die Mittel, die er anwandte, um Proselyten zu machen, nicht in der Absicht der Missionsgesellschaft lagen. Krumme Wege sind uns verhaßt, weil sie Gott verhaßt sind. Auch Sie haben gesündigt, Madame." — „Ich gesündigt?" sagte Frau Born bestürzt. „Krumme Wege sindGott verhaßt", sagteWenzel „und Ihre Wege waren krumm. — „Ach, Du mein Gott" klagte Frau Born, „ich arme Kreatur, Doktor Scharf lobte stets meinen Eifer für die heilige Sache und sagte mir, daß auch Sie, Ehrwürden, meinen Eifer lobten und mich allabendlich in Ihr Gebet einschlössen." „Was, ich hätte von der Sache gewußt?" rief Doktor Wenzel, „unerhört! Er hätte Ihnen gesagt, ich billigte die Mittel und Wege, die er einschlng, um Proselyten zu machen? Der Heuchler! Doktor Scharf, cs bestätigt sich iulmer mehr, war ein Heuchler, der die Missionsgesellschaft in Gefahr brachte, in Verruf zu kommen." „Ich bin eine einfache Frau, Ehrwürden," sagte Frau Born „und ich glaubte stets, was ein Geistlicher mir sagte." „Er war ein Wolf im Schafsklcide," erwiederte Wenzel „und daß er ferner nicht Unheil unter der Heerde anrichte» werde, dafür werde ich sorgen." Er empfahl sich der Dame und begab sich direkt nach seiner Wohnung, wo er sogleich einen Brief an die Häupter der Missionsgesellschaft zu schreiben begann, alles Borgcfaltene haarklein berichtete und Doktor Scharf als einen Menschen schilderte, der nicht würdig sei, ein Mitglied der Gesellschaft zu heißen. X. Dr. Scharf lag noch in seinem Bette, an das ihn die Furcht fesselte. Sein Zustand war ein granellhaster. Tie ständige Furcht, daß die Gerichtsdiener kommen und ihn holen würden, erfüllte ihn ganz und ließ ihm keine ruhige Sekunde. Einen Mann hörte man die Treppe heraussteigen. Hörbar schlugen die Zähne des Scharf