Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1885)
- Date
- 1885-07-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXVI. Jahrgang. Beilage zu Ar. 83 des Israelit. * Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Sansinnim. Betrachtungen zu den fünf Büchern Mosis, nach Ordnung der Wochenabschnitte. Bon Dr.A.Schmiedl, Rabbiner der Bezirksgemeinde Scchshaus nächst Wien. Zweite reichlich vermehrte Auflage. Prag, Jakob B. Branders. 1885. Wenn ein Buch wie das vorliegende, welches sich die Aufgabe stellt „zur Verbreitung erhöhter Kunde und Würdigung des Judenthums, sowie zur Förderung religiöser Wärme und Innigkeit" beizutragen, in einer Zeit wie die unserige, in der auf dem Gebiete der religiösen Erbauungsschriften eher eine Uebcrproduction als ein Mangel zu verzeichnen ist und in der der religiöse Jndifferentismus große und weite Kreise ergriffen hat, in zweiter Auflage erscheint, so ist diese Thatsache allein schon geeignet, unsere Aufmerksamkeit auf dasselbe zu lenken, um die Gründe zu erforschen, die es einer solchen, auf diesem Gebiete seltenen, Auszeichnung werth machten. Wir brauchen aber diese Gründe nicht weit zu suchen, sie drängen sich bei näherer Einsichtnahme in das Werk von selbst auf. Man kann von Schmiedl's Buch sagen, es ist ein Volksbuch in bestem Sinne. Die Betrachtungen, die sich an die Wochenabschnitte der fünf Bücher Mosis anlehuen, sind durchweg in jüdisch-pattiotischem Geiste gehalten, in gewählter und doch leichtfaßlicher Sprache geschrieben. Ausgehend von irgend einem hervorragenden Ereigniß, das in der Sidra erzählt wird, von einer für das Volk besonders beherzigenswerthen Lehre, von einem wie ein Mahn- oder Warnruf tönenden Satze, geht die Bettachtung gewöhnlich auf das Allgemeine über und sucht die Nutzanwendung in einer das Gemüth besonders ansprechenden Weise aus dem Thema hervorzuholen und darzulegen. Geschickt verwobene Talmud- und Midraschstellen, die einfach, ohne Künstelei gedeutet werden, Citate aus den Werken jüdischer Denker und Dichter verleihen den Betrachtungen einen anregenden Reiz, der das Interesse nicht erlahmen läßt, bis wir das Ganze durchgelesen ' haben. Denn der Verfaffer hat auch hierin seine Meisterschaft bewiesen, daß er die Klippe, die so vielen Erbauungsschriften, besonders denjenigen, die sich an's Volk wenden, gefährlich wird, glücklich vermieden hat. Durch das ungebührlich lange Ausspinnen eines Themas, eines Gedankens erlahmt das Interesse, die vom Autor gewünschte Spannung läßt nach, und an deren Stelle tritt die so sehr gefürchtete Langeweile, die, nach einem on difc, sich besonders häufig beim Lesen von Predigten einstellen soll. Der Verfasser hat, wie gesagt, diese Klippe vermieden, indem er der öfter sich darbietenden Gelegenheit nach weiterer Ausdehnung der einzelnen Betrachtungen aus dem Wege ging, und lieber die Jdeenverknüpsnng dem denkenden Leser überließ, als durch Ucberladung und Häufung des Stoffes denselben zuermüden. Auch innerhalb der Betrachtung ist der Stoff periodisch gegliedert, und es sind die einzelnen Theile auch äußerlich durch den Druck kenntlich gemacht, was bei einem Buche, das sich an das große Publikum wendet, nicht unwesentlich ist. Es ist nach alledein nicht zu verwundern, wenn das Buch in Familienkreisen sich großer Beliebtheit erfreut hat und wenn es sich ohne Zweifel in seiner neuen und verbesserten Gestalt wieder viele Freunde erwerben wird. Für Lehrer und Funktionäre auf dem Lande, die religiöse Vorträge zu halten haben, empfiehlt sich das Werk auf's Beste durch feinen recht volksthümlichen und anregenden Inhalt, und auch der auf diesem Gebiete selbstständig Schaffende wird mit Nutzen aus Form und Inhalt dieses Werkes lernen können. Erwähnen wollen wir noch, daß die typographische Ausstattung eine vorzügliche ist, wie man sie bei Werken dieser Gattung nur selten findet. — n— Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Breslau, 26. Juni. Wir haben bereits die Thatsache erwähnt, daß dem Rabbiner in Schildberg, als einem nicht naturalisirten Ausländer, von der Behörde jede amtliche Funktion untersagt wurde. Ein ähnliches Verhängniß droht einer oberschlesischen Groß-Gemcinde, deren Wahl vor etwa 10 Monaten