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Der Israelit · 1885-07-02 · Heft 52 (2.7.1885) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 52 (2.7.1885)
Date
1885-07-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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868 Da dies aber bekanntlich zu gleicher Zeit nicht geschehen kann, erklärt es heute, daß Herr Stöcker sein Amt als Hofprediger verwirkt habe, und morgen stimmt es freudige Triumphgesänge über die Erfolge der Stöckcr'schcu Agitation an. Die „Germania" schreibt über dieseDoppelzüngigkeit: „Der Gesinnungs¬ und Gefühls-Kretinismus des „Deutsch. Tgbl." zeigt sich gerade iu der „Assairc-Stöcker" von Tage zu Tage deutlicher. Da der erste Juli, der entscheidende Moment für die Abonnentenziffer, so nahe ist, so verübt das Blatt bald durch Schweigen und bald durch Reden ein gar jämmerliches Hin- und Herzappeln, um nur eben erst glücklich über diesen Moment hinwcgzukommcn, dann könnte man sich ja schon wieder Einiges erlauben. Also fortwährend Halbheit, Alles zu Zwecken des Geschäfts! Die Herren wissen, warum sie schweigen — müssen." Inzwischen hat sich auch der bekannte antisemitische Professor für Dünger, Landwirthschaft und Nationalökonomie, Adolf Wagner, gedrungen gefühlt, in einer christlich-socialen Versammlung vom letzten Freitag für seinen gefährdeten Freund eine Lanze zu brechen. Nachdem Portier Aschcnbrenncr die Versammlung mit den Worten eröffnet,- daß „das ganze jüdische Lager von Dan bis Berseba mobil geworden sei und sich mit einem noch nicht dagewesenen Fanatismus gegen Stöcker gewandt habe," trat Prof. Wagner seine unglückliche Vertheidignng der „Jrrthnmer" seines Meisters an. Seinen anderthalbstündige» Vortrag schloß er mit dem Ausrufe: „Mir ist nichts so sehr verdacht worden, als daß ich mit H. St. in Verbindung getreten bin; der Titel „Stöckerianer" ist mir ein Ehrentitel. Ich bin ein Schüler Stöcker's; er hat mich gelehrt, in das Volk hineinzugehen trotz allen Schmutzes, dem man sich anssetzt. Mit Stolz nenne ich mich Mitglied der christl.-soc. Partei, mit Stolz „Stöckerianer!"" Ungeheurer Beifall folgte der Rede, und sofort wurde an Stöcker ein Telegramm gesandt, in dem es n. A. heißt: „Aller Haß und Hohn Ihrer Feinde hat Ihre treuen Anhänger nicht im Mindesten irre an Ihnen gemacht. Die Partei weiß, was Adolf Stöcker in diesen sieben Jahren für sie, für Berlin und für Deutschland Segensreiches und Großes geleistet hat." Ein ähnliches Telegramm hatte vor einigen Tagen der „Deutsche Antisemitenbund" Stöcker übersandt, und Herr Pickenbach erhielt als Antwort ein Schreiben, das am Schluffe folgenden Wortlaut hat: „Schon jetzt habe ich die Hoffnung, daß der widerwärtige Proceß der guten und großen Sache, welcher wir dienet!, nicht schaden, sondern nützen wird. Mit der Bitte, daß Sie den deutschen Patrioten, welche bei der imposanten Versammlung mitgewkrkt haben, meinen Gegengruß sagen, bin ich unter der alten Losung der Freiheitskriege „Mit Gott, für König und Vaterland" zu weiterem Geisteskampf entschlossen und gerüstet." Im Talar dürfte Herr Stöcker den „Geisteskampf" kaum fortzusetzen Gelegenheit haben, denn, wie verschiedene Blätter berichten, wird, falls nicht die Staatsanwaltschaft in kürzester Frist die Anklage wegen Meineides erhebt, eine solche von hochangesehener und einflußreicher Seite beantragt werden. Erfreulich ist jedenfalls die Thatsache, daß die Freunde des Herrn Stöcker sich mit demselben identificiren. Sie wissen wohl, daß sein Sturz auch ihren Untergang bedeutet, und deshalb halten sie mit dem Mutye der Verzweiflung an ihrem Propheten fest. Uns Juden kann das Ende der P ers o n des Herrn Stöcker durchaus gleichgiltig sein. Das Verdikt des Gerichtshofes war sein moralischer Todesspruch, in den Augen der gesitteten Welt ist er gerichtet und vernichtet. Wir aber muffen dem Allmächtigen danken, daß er der Lüge und Verleumdung die Larve entrissen, und wir wollen hoffen, daß in nicht ferner Zeit der Name und das Wirken jenes Mannes als ein lautes Warnzeichen für künftige Geschlechter der Geschichte angehören wird. — A. Bl. Zeitungsnachzichten und Correspoudeuzen. Deutschland. Wiesbaden, 26. Juni. Die hiesige Stadt ist kürzlich abermals durch Testament des verstorbenen Sanitätsrathes Dr. L. Harting mit einem Vermächtniß von 60,000 M. bedacht worden. Dasselbe soll unter dem Namen „Hartingstiftung" für alle Zeit intakt erhalten bleiben und die Zinsen zur Verpflegung alter hilfsbedürftiger Leute ohne Unterschied der Confession verwendet werden. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Brünn, 26. Juni. Die städtische Polizei erstattete beim Strafgerichte die Anzeige gegen den Judenfresser Schneider aus Wien, daß er angesichts der durch die Arbeiter-Unruhen hervorgerufenen Aufregung der Bevölkerung hier in öffentlichen Lokalen strafbare Hetzreden gegen die Juden geführt habe. Schneider dürfte bereits demnächst vom hiesigen Gerichte vorgeladen werden.

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