Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1885)
- Date
- 1885-07-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVL Jahrgang. Beilage zu Nr. 32 des Israelit. Leitcuder Artikel. Kerr StöLer rmd seiue Kreunde. Berlin, 28. Juli. Vierzehn Tage sind bereits verflossen, seitdem von der hohen Warte eines deutschen Gerichtshofes aus der Todcsspruch über das verwegene und unwahre Treiben des Hofpredigers Stöcker gefällt wurde, seitdem dieser „Prophet der Wahrheit", wie ihn spatzhast genug ein christlich-sozialer Aufruf heute noch nennt, moralisch vernichtet aus „seinem" Prozesse hervorgiug, doch noch immer steht die „Affaire- Stöcker" im Vordergründe alles öffentlichen Interesses, und jeder Tag bringt neue Kunde über jeneu friedlosen Agitator. Wahrend die liberalen Blätter mit immer gesteigerter Erbitterung und immer lauterer Stiulme die Entfernung Stöckers aus seinem priesterlicheu Amte und die Altklage wegen Meineides fordern, während Rechtsanwalt Sachs die Revision eingelegt hat, um der erstaunten Mitwelt das Charakterbild eines evangelischen Hofpredigers noch einmal zu entrMen, während Herr Stöcker auf dringendes Anrache» der kirchlichen Aufsichtsrathsbehörde eine kühle Sommerfrische in Bayern ausgesucht hat, versucht ihn die Hctzprcsse, lvohl wissend, daß »nt seinem Sturze ihr Untergang verknüpft ist, zu retten und durch den lauten Lärm von Volksversammlungen, Darckldressen und Ergcbcnheitstelegrammcn den vernichtenden llrtheilsspruch zu übertönen. Wahrlich, es ist recht interessant, in einem Augenblicke, wo alle Welt von dem greifbaren Walten einer himiMschen Vorsehung tief erschüttert ist, wo «ne höhere Macht jene fluchwürdige Hctzbewegung in ihrem Anstifter verdammt hat, einmal die Freunde und Genossen des Herrn Stöcker Revue passiren zu lassen, «ud ihr Verhalten unter der erdrückenden Wucht der Thatsachen zu beobachte:;. Wir wollen nicht von jener Garde reden, mit der sich Herr Stöcker umgeben hat, um den Ansturm gegen das Judenthnm zu unternehmen. Der wegen Bettelei, Unterschlagung u. s. w vorbestrafte Schneidermeister GrÄrberg, Zürich Begründer der christlich-soziale» Partei, bat eine genügende Würdigung in dem Prozesse geduden. Der Portier AscheÄrenner, der am Tage die Treppe fegt und in den Mcheftrmdc« Leittntrkel schreibt, ist schon humoristisch bearbeitet worden; der ivcgcu Unterschlagung von Mündelgeldern mit Zuchthaus bestrafte Löschmau», der Schuhmacher Masche, ebenfalls Zuchthäusler und „lauter Rufer im Streit", der Denunziant Dr. Morgenstern und der „Talmudist" Simon May, alle diese fragwürdigen Gestalten, welche nunmehr abgethan sind, bildeten den passenden Commentar zu der „nationalen" Komödie, welche sieben Jahre hindurch zur Schmach der civilisirten Welt im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts gespielt werden durste. Für uns ist nur die Frage von Bedeutung, ob seine couservativ-antisemitischen Freunde in den Tagesblättcru ihn fallen lassen und eiligst von ihren Rockschötzcn abschütteln würden, und mau muß gestehen, sie sind treue Jünger ihres Herrn und Meisters, sie fühlen sich noch heut fast durchweg mit ihm eins, sie senden ihm Ergebenheitstelegramme für „Jrrthümer", sic machen aus einem Meineid eine „uucorrecte Ausdrucksweise", eine „Harmlosigkeit", einen „Temperamcntsfehler", sie verwandeln seine Verdrehungen in „absolute Ausdrücke". Während die offiziöse „Norddeutsche Allgem. Zeit." sich damit begnügt, die Stimmen beider Parteien wiederzugeben, macht der Stöcker'schc „R e i ch s b ot e" täglich die unglücklichsten und possirlichsten Sprünge, um sein Ideal als einen „Heiligen" und den Prozeß als einen „politischen „Meuchelmord" hinzustellen. Die „Kreuzzeitung", deren Redactcur der bekannte Herr v. Hannnerstein ist, sekundirt der kleinen wnthentbrannten Collegin redlich. „Wir lassen diesen Mann nicht fallen," ruft sie ans, „weil wir wissen, was uns derselbe tut Kampfe gegen das goldene Kalb werth ist. Der Prozeß war ein Bubenstück, erdacht um einen braven Mann zu verderben." Die den Jesuiten in mehrfacher Beziehung nahestehende „Germania" gefteht es zwar ein, daß Stöcker „moralisch verurthettt" sei, bedeutet ihm aber, seine Kräfte nicht zu zersplittern, wenn er seine ersprießliche Thatigkeit mit Erfolg fortsctzen wolle. Die freiconservative „P o st" bringt nur eine „Revue der Presse" und räth Herrn Stöcker, als Politiker mehr znrückzutrcten; im übrigen wagt sie es nicht eher, mit eitler eigenen Meinung hervorzutreten, bis die Kirchenbehörde ihr UrtheiL gesprochen hat. Ergötzlich ist die Haltung des „Deutschen Tagebla L ts". Dieses „edle Organ", das bis vor wenigen Monaten zu den wnthcndsten Antisemitenblättern gehörte, verbeugt sich nach rechts und nach links.