Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1885)
- Date
- 1885-06-25
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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854 hatte der Gerichtspräsident von Tußla seine Versetzung nach Oesterreich in Händen. Chacham Jehnda Finzi ist ein echter Priester, ein wahrer Sachwalter seines Volkes. Der Bericht, der uns aus verbürgten Händen zukömmt, erwähnt auch, daß der wackere Chacham nicht nur eine Capacität auf dem Gebiete der jüdischen Gelehrsamkeit und ausgezeichneter Kanzelredner (in spaniolischer Sprache), sondern daß er auch in fremden Literaturen bewandert und außer in der Kenntnis; der hebräischen, spaniolischen, serbischen und türkischen Sprache, auch im Französischen, Englischen und Italienischen zu Hause ist. (P. I. Z.) Feuilleton. Aekicaleffen. In einer Gartenwirthschaft Berlins saßen zwei Herren an einem Tische, der eine mit der Vertilgung einer Portion Schinken beschäftigt, der andere in die Zeitungslectüre vertieft. Da rief letzterer plötzlich: „Das ist doch arg! das ist schändlich! unerhört!" „Was bringt Sic so in Aufregung?" frug der Andere, „ist wieder ein Mord passirt?" „Ja, ein Mord au der Vertrauensseligkeit des Publikums. Da lesen Sie unter der Rubrik „D e l i c a t e ss e „Ah so, das habe ich schon gelesen, daß mehrere feine Delicatcssenhandlungen Salami, Würstchen rc. durch ihre Bezugsquellen, die Roßschlächtereien, decken. Wie schlecht doch heutzutage die Menschen sind! Wie man doch überall betrogen wird! Mancher Knude wird Mt Magendrücken bekommen bei dem Gedanken, daß die Delicateffcn-Würstchen, die er gegessen, von einer alten Rosinante herstammen." „Ja, es ist schändlich", stimmte der andere zu, „wie trotz aller,Gesetze gegen Verfälschung von Nahrungsmitteln düeses Treiben von Tag zu Tag mehr überhand nimmt. Und wenn auch hie und da ein Exempel statuirt wird, so sind doch immer gewinnsüchtige, gewissenlose Menschen genug da, die bei sich denken, daß sie ungestraft weiter fälschen können. Und das Publikum ist diesen Thatsachen gegenüber machtlos. Wenn das in unserem lieben Berlin so fort geht, dann weiß ich nicht, ob ich mich nicht trotz der antisemitischen Luft, die in Berlin weht, zum Judenthume bekehre. Ha, ha, ha." „Wie meinen Sie das?" „Wie ich das meine? Nun, ich werde meinen Bedarf an Fleisch und Würsten von einer jüdischen Fleischwaarenhandlung beziehen. Ich bin dann sicher, weder Roßwürstchen zu bekommen, noch der Gefahr ausgesetzt zu sein an der Trichinosis zu erkranken, noch auch Fleisch von kranken Thieren zu erhalten. Ich weiß dann wenigstens, was ich esse, und brauche nicht zu befürchten, daß mir durch eine unliebsame Entdeckung der Appetit auf Tage hinaus verdorben wird." „Nun, die Trichinengefahr ist ja heute so ziemlich beseitigt durch die Fleischbeschauer, und wenn der doch nicht häufige Fall eintritt, daß trotz Fleischbeschau ein trichincnhaltiges Fleisch in den Handel kommt, so braucht mau nicht gleich derjenige sein, der gerade das Pech hat, davon zu bekommen. Scheu Sie, ich reise nun schon 10 Jahre, kouune in große und kleine Städte, häufig sogar in kleine Ortschaften, wo fast gar keine Controlle ist, es hat mir aber überall das Essen geschmeckt und hat mir nie geschadet. Die Furcht ist doch sehr übertrieben, und daran sind die Zeitungen schuld, die jeden Fall von Trichinosis sorgfältig registriren und das Publikmn ängstigen." „Was mögen Sie aber da Alles aufgetischt bekommen!" „Da mache ich mir nichts daraus; wenn cs schön servirt wird, appetitlich ist und gut schmeckt, daun ist's mir glcichgiltig, was ich gegessen habe. Bis jetzt hat's meine Gesundheit nicht beeinträchtigt, auch meinen Appetit, wie Sie sehen, nicht geschwächt." Bei diesen Worten führte der Sprecher ein saftiges Stück Braten in den Mund. „Ich", erwiederte der andere Herr, „kann, seitdem ich die Geschichte mit jenen „Delikatessen" gelesen habe, mich eines leisen Schauders nicht erwehren, daß der schöne Lendenbraten oder das appetitliche Braunschwciger Würstchen, das mir vorgesctzt wird, vielleicht einem alten Droschkengaul II. Güte ihren Ursprung zu verdanken haben und kann selbst im feinsten Restaurant nur mit besorgten Blicken den Bissen zu Mund führen. Und da meine Frau in's Bad reist, bleibt mir doch kein anderer Ausweg. Wenn ich nicht befürchtete bei der heutigen Antiscmitenrichtung, die Alles ansspionirt und gleich an die große Glocke hängt, verrathen zu werden, ich würde einen; jüdischen Restaurant den Vorzug geben. Aber freilich mit lauter Juden zu verkehren, genirt mich doch heute." Ter Andere erblaßte sichtlich bei dieser Bemerkung, zog seine Uhr heraus, stand dann hastig auf und empfahl sich mit den Worten, er müsse um eine bestimmte Zeit Jemand erwarten. Der Zurückgebliebene sah etwas erstaunt drein. „Der Herr scheint ja beleidigt gewesen zu sein," sprach er zn sich, „ich wüßte nicht, daß ich ihm dazu einen Anlaß gegeben. Ah, da fällt mir ein, daß ich von Juden gesprochen habe. Sollt» der Herr selbst Jude gewesen sein und