Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-06-25 · Heft 50 (25.6.1885) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 50 (25.6.1885)
Date
1885-06-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449550--22420-2512040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

837 ttnirbc jedoch von anderen verhindert und bedroht. Nur in einigen Spinnereien wird gearbeitet; dort stehen die Arbeiter unter militärischemSchntz vor dcuTerroristen. Seit Mittag ist die gcsammte Garnison konsignirt. Starke Arbcitervcrsammlmrgcn, die zeitlich Morgens und während des Vormittags wiederholt in den öffentlichen Garten und Vorstädten stattfandcn, wurden durch Kavallerie zersprengt. Dabei tarnen wieder einige Zusammenstöße und' zwei Verwundungen vor. Bei ungefähr sechzig Verhafteten wurden verschiedene Waffen, Messer, Todtschlägcr, Eisenstücke und Stangen vorgefnudeu. Tie Verhafteten verweigern jedwede Auskunft über die Motive der Bewegung, welche ersichtlich organisirt ist. Weitaus die größte Anzahl der Erzedcntcn ist czcchisch, fast überall wird nur czechisch gesprochen, weshalb man neben den sozialistischen auch nationale Motive vermnthct. Auch tauchten sofort antisemitische Agitatoren und Hetzredner ans, welche bei dein Pöbel Gehör fanden. In Folge dessen wurden außer den Fabriken auch inchrere Privathauser beschädigt. Die Ortschaft Bersovär, in der Nähe von Pcsth, war in den lebten Tagen der vorigen Woche der Schauplatz antisemitischer Ausschreitungen, welche die Einschrcitung der Gensdarinerie und der dort lagernden Honvedtruppcn rrochwendig machten. Am vclftoffcncn Freitag war nämlich der dortige Wirlh Schmidck damit beschäftigt, den Inhalt eines Spiriurssapcs in ein anderes cinznlecrcn, als der Schlauch versagte und der Zufluß des Spiritus plötzlich anfhörtc. Um die Ursache zu ergründen, steckte-Schmidck ein Streichholz in Brand und leuchtete damit in die Oeffnung des'Schlauches. In diesem Mornente entzündete sich jedoch der Spiritus, das Fas; cxplodirte und der brennende Spiritus ergoß sich über den Boden des Magazins, welches alsbald in Hellen Flammen stand. Schmidck blieb wunderbarerwcise unverletzt, das Feuer aber griff mit großer Schnelligkeit um sich und drohte, den Dachstuhl zu ergreifen, an welchen! die Flammen cmporzüngelten. Energische Nettungsmaßnahmen verhinderten -aber das Wcitergreifcn der F-encrsbrnnst, und im Verlaufe einer Stunde war man im Stande, den Brand vollständig zu ersticken. Tiefer an und für sich unbedeutende Vorfall rief unter der Bevölkerung des Ortes eine hochgradige Aufregung hervor, welche von bedauerlichen Ausschreitungen begleitet war. Die Bauern, die durch die Explosion erschreckt, für die Sicherheit der Ortschaft fürchteten, rotteten sich vor dem Hause des Schmidek zusammen,, und in der Menge wurden antisemitische Drohrufe laut. Das erregte Volk machte Miene, das Haus zu stürmen und in dasselbe cinzudringcn. Die Einwohner desselben vcrbarrikadirlen sich so gut es ging und entgingen so den Mißhandlungen, während sic andrerseits durch das Umsichgreifen des Brandes ernstlich in Gefahr gcriethcn, ein Opfer der Flammen zu werden. Ein Thcil der durch fortwährende Zuzüge vcrstärktcuBolksmcnge verblieb vor dem brcnncndcn.Hanse und überschüttete dasselbe mit einem förmlichen Steinhagel. Ein anderer Theil der Tumultuanten durchzog die Straßen, wobei Schkmpsworte und Drohungen gegen die Juden ansgcstoßen wurden. In vielen, von Inden bewohnten, Häusern wurden die Fenster durch Steine zertrümmert. Als der Krawall bedenkliche Dimensionen anzunchmcn drohte, schritt die Gensdarmerie ein, welche angesichts der großen Zahl der Tumultuanten nur wenig ansznrichten vermochte. Schließlich mußte Militär requiriri werden, und innerhalb zehn Minuten nach erfolgter Verständigung des Lagerkominando's durchstreiften mehrere Bataillone Houvcd-Insantcrie die Ortschaft. Dem Militär gelang cs, die Gassen von der Volksmenge zu säubern und die Ruhe wieder herzustellcu. Bon dem Krawalle wurde dem St. Endrser Bezirksgerichte die Anzeige erstattet. Aus Sieberrbürge». Eine neue Getränke- Vergiftungs-Geschichte hatte die Juden am Szcklerbodcu in nicht geringen Schrecken versetzt. — Am 4. d. M. starb in Gu-Salimas ein vierjähriges jüdisches Mädchen an Diphtcritis. Die ortsamtliche Todtenbeschau wurde vorgenonuncu und die Leiche zu der im ansgcgobeueu Todrcubeschan-Ecrtificate festgesetzten Stunde ans dem Israel. Friedhöfe bestattet. Nichtsdestoweniger hatte sich schnell die Kunde verbreitet, die Jaden hätten der Leiche die Hanl abgezogen, sie dann in Stücke zerhackt und an alle jüdischen Wirthe vertheilt, um die Getränke damit zu vergiften. Kein Sze'kler wagte cs in jüdischen Schänken etwas zu trinken, die Aufregung iin Banernvolke wuchs sehr, und schon hatten sich die Dorfbewohner zu Salimas und den umliegenden Ortschaften zu einer großen Berathnngsversammlnng znsammengcschaart und den Beschluß gefaßt, die Juden zu überfallen und aus dem ganzen Umkreise zu vertreiben. Die Lage der wenigen isr. Familien in Mitte dieser heißblütigen Horden war eine höchst kritische. Zum Glücke hatte einer der Salimascr Israeliten, Herr L.Bermann, nachGy.Az. MikloS znm Stuhlrichtcr sich begeben, der auch sogleich mit seinen Panduren und eben im entscheidenden Momente in Gy. Salimas cintraf. Bei der von ihm veranstalteten Untersuchung machte eine Magd das Gestandniß, daß sie ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.