Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1885)
- Date
- 1885-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Beilage zu Ur. 80 des Israelit. LeiteuderArtikel. Prozeß Stöcker. Berlin, 13. Juni 188s. (Schluß.) Staatsanwalt: Ach habe es bisher immer für die hohe Aufgabe des Staatsanwalts, wie der Pertheidignng gehalten, möglichst die Objektivität walten zu lasten und die Leidenschaften möglichst zu unterdrücken, anstatt sie zu entfesseln. Deshalb habe ich mein Plaidyer so knapp wie möglich gestaltet, und deshalb habe ich auch die einzelnen Punkte nur so kur; wie möglich berührt. tss hatte mir sonst sehr nahe gelegen, auch auf die Kamxscsrveisc derjenigen Presse, welcher der Angeklagte angehört, näber einzugehen. Ach bedauere, daß die schon so schlechte Atniosphäre in diesem Saale diesmal verschlechtert ist nicht durch den Angeklagten, sondern durch die Art und Weise, wie die Bertheidigung jede Gelegenheit benutzt, um wieder neue Anklagen aus den abwesenden Zeugen Stöcker zu häufen, Anklagen, die nolhwendigerweise doch wieder zu neuen Erhebungen ilud Erörterungen führen müßten. Ach unterlasse es deshalb, daraus zu antwonen. Nechtsanwalt Sachs: Ach erwidere dem Herrn Staatsanwalt, daß ich nicht gewöhnt bin, Belehrungen von ihm darüber anzunchmen, wie ich mich in meinem Plaidoyer zu Verhalten habe, ebenso wenig, wie ich ihm Belehrungen dieser Art zu Dheil werden lasse. Wenn aber der Staatsanwalt meint, daß die Leidenschaften durch die Bertheidiger entfesselt sind, so weise ich einfach darauf hin. daß der Präsident keinerlei Veranlassung gesunden hatte, mich zu rcktisiziren. Was dann das Wort von der Verschlechterung der Atmospäre betrifft, so ist diese Ausdrucksweise mindestens nicht sehr glücklich gewählt, denn sie erinnert doch einigermaßen an die von uns gerügten Bilder, die sich in Stöckerschen Redesätzen vorsinden. Nicht unsere Leidenschaft verschlechtert die Atmosphäre, sondern das, was wir aus der Rüstfatmnn Stöckerschrr Journalistik an Schlechtem und Niedrigem hier auSzukramen genöthigt waren. Rechtsanwalt Munkel: Ach ersehe aus den Bemerkungen des Herrn Staatsanwalts zu meinem Bedauern, daß sich doch ein leiser Anflug von der Stöckerschen Kanalisations-Redeweise auch in sein Plaidoyer verirrt hat.... Vorsitzender (unterbrechend): Ach glaube von mir behaupten zu können, daß ich mich redlich bemüht habe, aus diesen Verhandlungen im allgemeinen Antercsse jede persönliche Heftigkeit möglichst fern zu halten, und ich glaube, daß, wo hie und da ein hartes Wort aus meinem Munde erklungen sein sollte, dies wohl seine Entschuldigung darin finden kann, daß es ungemein schwer ist, die Ruhe immer da zu behalten, wo einem das an und sür sich schon schwere Amt noch vielfach unnütz schwer gemacht wird. Ach habe beiden Seiten den weitesten Spielraum gelassen und will dem ztveireu Herrn Bertheidiger nicht verhehlen, daß nach meinem Gefühl der satirische Don, in welchem er die Bertheidigung führte, nicht immer derjenige war, der dem großen Ernst der Sache immer ganz entsprach. Seine letzte Bemerkung aber mutz ich als verletzend entschieden zurückweisen. Das geht mir über die zulässige Grenze doch hinaus, und nun bitte ich den Bertheidiger, in dem Tone des Anstandes und der Höflichkeit in seinem Plaidoyer fortzusahren. Rechtsanwalt Munkel: Sie haben, Herr Präsident, den Don, welchen ich angeschlagen habe, in einen gewissen Gegensatz gebracht zu dem Don der Höflichkeit und Anständigkeit. (Der Vorsitzende widerspricht.) Ach koustatire. daß Sie cs als zulässig erachtet haben, daß mir der Staatsanwalt eine -Verschlechterung der Atmosphäre vorwirft. Da sie diesen Ausdruck zuließen, - haben Sie ihn als parlamentarisch anerkannt. Ach habe mich dagegen verwahrt, in einer nach meiner Uebcrzeugung »lindestens ebenso parlamentarischen Art. 'Wenn ich nun eine Belehrung darüber empfangen soll, tvas anständig ist und tvas sich gehört, so kommt mir diese etwas spät: ich weiß dies seit 25 Jahren so gut, wie der Herr Präsident, und — ich bin sehr stolz — vielleicht noch etwas besser. Und wenn der Herr Präsident gesunden haben will, daß der von mir angeschlagene ron dem Ernst der Sache nicht angemessen sei, dann kennen Sic meinen Don eben nicht. Glauben Sie etwa, ich scherze übereinen solchen Mann? O nein, cs ist mir bitterer Ernst. Ast es etwa meine Schuld, daß ich meine Meinung über den Zeugen Stöcker in seiner Abwesenheit sagen muß? Ach hätte es ihm am liebsten laut inS Ohr gesagt, Nicht die Leidenschaft beherrscht mich, diese gehl aus einem warmen Gefühl hervor, tnein Gefühl diesem Manne gegenüber ist aber außerordentlich kalt — das kälteste, was man haben kann. Ach will's de:n Herr» Präsidenten nicht nennen, und wenn der Don hier mißverstanden werden sollte, ich glaube: in der Oejseutlichkeit wird man ihn verstehen! Was ich gesprochen, spreche ich nicht zum Scherz, sondern in tiefer sittlicher Entrüstung und das vertrete ich vor diesem und vor jedem anderen Eollegium, wenn mich der Staatsanwalt etwa mir einer Anklage bedenke» will. Staatsunwalt: Ach habe zu erklären, daß cs mir vollständig fern gelegen hat, mich in so unsauberen Phantasien zu bewegen, wie sie mir die Bertheidigung auf Grund meiner Worte unterzulcgcn scheint. Wenn ich von der Verschlechterung der Atmosphäre gesprochen habe, so war dabei ein rein äußerliches Moment: die große Hitze in diesem Saale der «-/regende Facior. Aber ich erkläre, daß ich es unerträglich sinde, wenn die Bertheidigung diese Atmospäre dazu benutzt, um die Schmähungen noch zu poteuziren. Rechtsanwalt Sachs: Ach bedaure daß von dem bevorzugten Platz der Staatsanwaltschaft aus hier solche Anklagen gegen die -Bertheidigung gerichtet werden. Präs, tzüly versichert nochmals, daß es sein Bestreben sei, Licht und Schalten gleichmäßig zu vcrtheilen, daß er nicht behauptet habe, daß der Don der Bertheidigung die Grenzen des Anslandes überschreite, daß aber der sarkastische Don des zweiten Berlhcidigcrs eine gewisse Schärfe enthalte. — Rechtsanwalt Munke!: Dann liegt das jedenfalls in meiner Natur. — Präs.: Das mag sein. Jedenfalls weiß ich nicht, weshalb der Bertheidiger sein Gesühl sür Höflichkeit und Anstäudigkeit, tvelches er schon seit 25 Aahren kennt, höher stellen will, als mein eigenes. — Rechtsanwalt Munkel: Der Anstand, den ich seit 25 Aahren kenne, ist derjenige, der in Gerichtssälen zu Hanse zu sein pflegt. Sonst ist mir der Anstand schon seit 48 Aahren bekannt. Der Präs, verkündet hieraus eine einstüudige Pause. Nach etwa zweistündiger Herarhung kehrte um 9 Uhr Abends der Gerichtshof in den Sitzungssaal zurück. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirector Lüty, erklärte, daß der Gerichtshof bezüglich einiger Punkte noch nicht im Klaren sei. Die Fortsetzung der Verhandlung würde aber an die Kräfte des Gerichts-