Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1885)
- Date
- 1885-06-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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883 von Egron und in mehreren anderen Gegenden Palästinas steht das Korn prachtvoll. Dies kommt daher, daß, durch das Ausbleiben des ersten Regens, man den Boden erst nach den Januarrcgenfällen, welchen bald noch mehr Regen folgte, beackern und säen konnte, so daß das Getreide während des Keimens nicht an Trockenheit litt. Bei uns dagegen hatten wir im November einigen liegen, welcher uns das Säen gestattete; hernach blieben wir nahezu zwei Monate ohne Regen; ein Theil des Samens wurde von den Vögeln und Jnsecten verzehrt, und was noch übrig blieb konnte bei der ununterbrochenen Trockenheit nicht gedeihen, denn die späteren Regenfälle waren ganz ungleich vertheilt; wir hatten hier viel weniger Regen als in Egron, welches nur 4 Meilen von Mikweh-Jsrael entfernt liegt. Unsere Wein- und Orangenanpflanzuugen befinden sich bis jetzt in befriedigendem Zustande, und ihre Ergebniffe werden hoffentlich den Ausfall des klebrigen ersetzen. Auch die Kartoffeln stehen ziemlich gut. Mau hat im April den Anbau der Gemüsegärten fortgesetzt, Sommergeniüse gesät und gesetzt, circa 2000 Limonen-Bäumchen gepfropft und gestützt. Feuilleton. Verirrt. tnzähluiig von S. B ehrend. III. Der Freund, den Moritz, wie er dem Doctor Scharf sagte, besuchen wollte, war der uns dem Namen nach bekannte Ascher, der Sohn der alten Treindel. Der junge Mann wohnte in der Nähe der Schauspielerin. Er hatte Moritz erst vor nicht langer Zeit in der großen Stadt getroffen. Die Jugendfreunde hatten lauge nichts von einander gehört. Sie waren auseinander gekommen, sie wußten selber nicht wie. Auch jetzt waren sie nicht wieder die alten Freunde geworden. Ascher war ein Jude, der streng nach den Vorschriften seiner Religion lebte, während Moritz vielleicht auf dem Wege war, diese zu verlassen. .Ascher bedauerte sehr seines Jugendfreundes Verirrung, er hatte versucht, ihn auf den richtigen Weg zu bringen; aber Moritz hatte ihm das Wort vor dem Munde abgeschnitten. — Warum jetzt Moritz nach Aschers Wohnung, den er in einem Zeitraum von vier Wochen nicht gesehen, ging, wußte er selber nicht. Ein unbekanntes, sehnsuchtsvolles Gefühl trieb ihn dazu. Er fand ihn nicht zu Hause, und die Wirthiu sagte Moritz, daß Ascher in der Synagoge sei. „Ich weiß es," sagte Jener, „ich werde warten, bis er heimkehrt. Er muß bald kommen, da cs spät ist." — Er wartete. — Ascher war erstaunt, seinen Freund so spät bei sich zu sehen. Er reichte ihm befremdet die Hand. „Niein Weg führte mich an Deiner Thür vorbei, und ich beschloß, ein wenig mit Dir zn plaudern," sagte Moritz. „Du bist, mir zu jeder Zeit willkommen." „Hast Du Brief aus der Heimath „Heute schrieb meine Mutter an mich." „Erwähnte sie meiner Großeltern, sind sie gesund?" „Sie sind gesund, aber —" „Nun aber';'" „Sie grämen sich um Dich." - Moritz stand auf und ging mit großen Schritten im Zimmer hin und her. „Weßhalb haben sie auf meine Briefe nicht geantwortet?" sagte er. . „Du Haft diese Frage schon einmal an mich gerichtet, und ich kann 'Dir nur meine Antwort wiederholen, Sic haben keinen Deiner Briese erhalten." Ein tiefes Schweigen folgte diesen Worten. Moritz konnte es nicht glauben, daß von den vielen Briefen an feine Großeltern keiner an seine Adresse gelangt sei. Ascher hatte ihm jedoch lviederholt dasselbe versichert, und er mochte jetzt seine Zweifel, um den Jugendfreund nicht zu kränken, nicht geltend machen. Er glaubte, seine Großeltern Härten seine Lebensweise erfahren, wollten jeden Verkehr mit ihm abbrcchen, und hätten deshalb keinen seiner Briefe beantlvortet. Ascher merkte, daß der Freund nur schwieg, um ihn zu schonen, er brach daher zuerst das Schweigen, indem er sagte: „Es ist .nicht anznnehmen, daß Deine Briefe durch die Post verloren gegangen, sie müssen auf andere Weise ihre Bestimmung nicht erreicht haben." Moritz sah ihn betroffen an, und Ascher fuhr fort: „Ich kenne keinen Deiner christlichen Freunde; doch weiß ich, daß man bemüht ist, Dich von Deinem Glauben abzubringen." Er schwieg und Moritz drängte: „Nun, mm?" „Alan anerkennt die Liebe zur Familie, die im Judenthume wurzelt, und die Bekehrer haben gewiß mehr oder minder die Erfahrung gemacht, daß Mancher, der zu ihrer Fahne schwören wollte, in der zwölften Stunde, durch die Baude, mit denen er an seine Familie gekettet war, znrücktrat. Man fürchtet auch bei Dir den Einfluß der Familie."