Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1885)
- Date
- 1885-06-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Beilage ju Ur. 49 -es Israelit. Leitender Artikel. Wrozeß StöLcr. Berlin, 18. Juni 1885. (Fortsetzung.) Herr Dr. Sachs fährt fort: Herr Stöcker leugnete aber weiter jede Betheiligung an der Debatte auf der Eisenacher Kirchenkoufereuz. Der Superintendent Braasch, der den Eindruck eines ehrenwerthen Mannes gemacht hat, bezeugte hier, daß diese Ableugnung Stöckers seine Entrüstung hervorgerufen habe. Auf die Zahl der Worte, mit denen Stöcker in die Debatte eingrifs, kommt es hier nicht an, sondeni auf die Umstände, unter denen sie gesprochen wurden. Ein junger Pfarrer steht auf und sagt, er fühle sich durch den Antrag, es solle an der theologischen Fakultät in Jena ein strenggläubiger Professor angestellt werden, in seinem Gewissen bedrückt. wenn dieser Antrag zur Annahme gelang!. Es entstand daraus eine peinliche Stille und da steht in Folge der Aufforderung des Vorsitzenden Herr Stöcker mit seiner Autorität und dem ganzen Nimbus seiner Person auf und sagt: „Wir verlangen nur unser Recht." Es sind nur wenige Worte, aber dieselben waren für den jungen Pfarrer eine schlagende Argumentation, denn es scheint, das die Gewissensskrupel desselben danach gewichen sind. Der Gegensatz zu Herrn Stöcker mit seinem wilden unhöflichen Benehmen gegenüber dem Superintendenten Braasch war in die Augen springend. Erklärt auch der Superintendent mit Würde und Entschiedenheit hier, er habe Herrn Stöcker stets für einen ehrlichen Mann gehalten, als er aber gelesen habe, daß er sich an der bewußten Debatte mit keinem Worte betheiligt habe, da hätte ihn der Unmuth ubermannt. Ich konnxe nun zu dem Zeugen Grüneberg. Diesen halte ich für keinen unglaubwürdigen Menschen. Wenigstens muß inan wohl einem Mann, der den Vorzug hat, längere Zeit der Busenfreund eines Hofpredigers zu sein, doch einige Glaubwürdigkeit zubilligen. Herr Stöcker konnte seinem Freunde Grüneberg, um ihn für seine Partei zu gewinnen, nicht Traktätchen in die Hand geben. Er gab ihm also das Todt'sche Buch, von dem Herr Stöcker mindestens wußte, daß es theoretisch für die Republik eintrete. Herr Grüneberg verwechselt zwar nicht „Mein" und „Dein", aber desto häufiger „mir" und „mich" in fast rührender Weise, und wenn einem solchen Mann ein derartiges Buch gegeben wird, so geschieht cs nur in der Absicht, ihn für sich zu gewinnen und ihm zu dem Zweck Bücher zu geben, die radikale Ansichten, denen Grüneberg huldigte, enthalten. Und es liegt allerdings darin eine schwere Unwahrhastigkeit, wenn man nach Außen hin den Mantel mit der Liebe zum Königthum schmückt und denselben mit einem republikanischen Unlerfutter versieht. Es ist weiter der schwere Borwurf gemacht worden, daß Stöcker Gelder, die zu wohlthätigen Zwecke» bestimmt waren, im Interesse der politischen Agitation verwendet habe. Die Ehristlich-Sozialcn haben sich stets als Erbpächter des Patriotismus geerdet. Des Kaisers Geburtstag und das Sedanfest pflegten wir sonst Alle gemeinsam zu feiern, aber plötzlich mutzteu wir erleben, daß die Antisemiten diese Feste in ihrem Sinne ausbeuten wollen, als ob sie allein den Geburtstag des Kaisers feiern dürften, als ob sie allein den Sieg bei Sedan erfochten hätten. Eine hohe Spenderin gab 150 Mark zur Speisung armer Leute, oberes war damit nicht gesagt, daß diese Speisung össentlich aus einem Feste, das eine politische Partei veranstaltet hatte, geschehen solle. Grüneberg mußte das Hoch auf den Kaiser ausbringen, damit Stöcker an höchster Stelle melden könne, ein Sozialdemokrat habe den Kaiser hochleben lassen. Das war eine große Unwahrhastigfeit. Herr Stöcker bekam von einem Gönner 2000 Mark zur Gründung eines Invalidenhauses. Zu dieser Gründung ist es aber gar nicht gekommen. Dagegen gründete Stöcker ein Blatt, die „Bolkswacht," das viel Geld kosiete. Man machte Schulden und borgte jene 2000 Mark. Später wurde das Geld der Stadtmission übergeben, worüber Herr Stöcker einen Schuldschein auSstelltc. Aber dieser ersetzt doch das Geld nicht. Auch bezüglich der Zugehörigkeit Hödels und Nobilings zur christlich-socialen Partei har sich Stöcker der größten Unwahrhafligkeit schuldig gcinacht. Er hat stets in seinen Rede» ein außerordentlich sittliches Pathos entwickelt, wenn er von der schlechten liberalen Presse sprach. Er sagte zwar, daß sich diese Presse jetzt gebessert habe, aber ich glaube nicht, daß seine Agitation einen versittlichenden Einfluß ausgeübt hat. Er verlangt die tadellose, moralische Intaktheit der liberalen Redacteure, es ist nur eins bedauerlich: wenn man sein Album ausschlägt, findet man gleich auf der erste» Seite einen bestraften Menschen: Löschmaun. Und der verantwortliche Redakteur von Stöckers Hauptorgan ist sein ehemaliger Portier Aschenbrenner. Die liberalen Ehefredakteure sollen sich also in eine Reihe mit dem Portier Ascheubrenncr stellen. Endlich kommt nun die Antisemitenpetilion an die Reihe. Stöcker nnterschreibt die Petition, tritt daun ins Parlament rin und wird bei der Interpellation über die Petition gefragt, ob er dieselbe unterzeichnet habe. Er antwortet schlankweg: Rein. Ter „Reichsbote" ist zur Stelle, in welchem die Petition mit der Unterschrift Stöckers abgedruckt ist. Daraufhin mußte Stöcker seine Unterschrift zugeben. Hier behauptet er, er hätte nur politisch gesagt, daß er seinen Namen nicht unter die Petition gesetzt habe. „Ich habe sie nachträglich unterzeichnet, ich habe sic zuerst unterzeichnet und dann die Unterschrift zurückgezogen" — jo schwankte Stöcker in seinen Angaben hin und her. Einen größeren Galimathias von Widersprüchen kann es nicht geben. Wie da der Staatsanwalt sagen kann, Stöcker konnte aus jene Fragen mit Ja und Nein antworten, ist mir nicht klar. Er hat „Nein" gesagt, und das läßt sich nicht aus der Welt schassen! Gegen die Petition erließen eine Anzahl Männer eine Gegenerklärung. Es befanden sich darunter illustre Männer wie Mounnsen, Droysen. Pirchow, Landgerichts-Direktor Lessiug, Kammer-Gerichtsrath Schröder u. s. w. — Männer, denen man nach der sittlichen Seite hin nicht das Geringste nachsageu kann. Und doch verunglimpste Stöcker dieselben durch die Behauptung, daß der vierte Thcil von ihnen den Hexentau; um daS goldene Kalb getanzt habe. Es vergingen mehrere Wochen, bis sich Stöcker aus wiederholte Aufforderungen hin dazu verstehen mußte, eine Liste Derjenigen, die den Tanz mitgrmacht haben sollen, vorzulegen. Er sagte zwar, er habe nach der Sitzung jedesmal gewartet, um die Namen der Gründer jedem Abgeordneten, der es wünschen würde, privatim mitzutheilen, weil er dieselben nicht öffentlich habe kompromiltiren wollen. Aber tatsächlich wich er jedesmal aus, so oft dir Aste verlangt wurde. Am 10. Dezember 188! legte er endlich eine . Liste vor, jügte aber hinzu, er hätte nicht Gründer Im schlimmen Sinne gemeint. Seitdem ist viel Zeit verflossen. Er er-