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Der Israelit · 1885-06-18 · Heft 48 (18.6.1885) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 48 (18.6.1885)
Date
1885-06-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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802 welcher elementaren Wildheit dieser Mann gepackt wird, wenn er sich einem Gegner Auge in Auge gegenüber befindet. Für mich ist es bezeichnend, daß er hier hintritt und die Vertheidigung, einen Faktor der Rechtsprechung, nicht respektiren will. Er that dies erst, nachdem ihm vom Präsidenten bedeutet wurde, daß er dazu verpflichtet sei. Diesem Manne stelle ich den Pastor Witte gegenüber, einen durchaus glaubwürdigen Mann, das Prototyp eines duldsamen evangelischen Geistlichen. Und wie hat Herr Stöcker die anderen Zeugen oder anderen Personen, die »nt der Verhandlung nichts zu thun haben, hier behandelt? .Nicht einmal Mehring kann mich tadeln," sagte Herr Stöcker, und beschimpfte denselben auf das Gröblichste. Ganz dasselbe war dem Superintendenten Braasch gegenüber der Fall. Infamie, Unwissenheit und Leichtfertigkeit — das waren die Schimpfworte, die er gegen diesen Zeugen, sowie gegen die theologische Fakultät zu Jena hier gebraucht hat. Zur Beurtheilung der Subjektivität des Herrn Stöcker will ich einen kleinen Fall ansühren. Er bezrichnete die „StaatSbürger- Zeitung" als ein liberales Blatt. Wenn ein Mann, der mitten in der politischen Bewegung steht, ein solches Blatt, das Alles abgestreift hat, was für liberal gilt, dennoch liberal nennt, so ist das eine merkwürdige Subjectivität. Gelegentlich der Debatte über die Antisemitenpetition hat sich Herr Stöcker in allgemeinen Phrasen über das, was am Judenthum verwerflich sei, ausgelassen. Er sagte, er wäre nicht vorbereitet und deshalb passirten ihm ab und zu kleine Jrrthiimer. Und doch stand er lange vor seinem Eintritt ins Parlament an der Spitze der antisemitischen Bewegung und mußte sich genügend Material gesammelt haben, um genügend orientirt zu sein. Er behauptete, daß sich die Juden aus allen Gebieten vordrängen, und führte Herrn Horwitz, der kein Jude ist, als Beispiel an. Der Staatsanwalt sagte, in Breslau präsumire man, daß ein jeder Horwitz Jude sei. Meines Wissens soll es sogar Leute geben, die Meyer heißen und doch keine Juden sind. (Heiterkeit.) Ebenso machte er den Professor Schleiden zu einem Juden, obwohl ihm gesagt wurde, daß er es nicht sei. Als man ihm dem Taufschein Schleidens zeigte, sagte er: dann ist er später zum Judenthum übergetreten. (Heiterkeit.) Bon Brandes behauptet er dasselbe, weil er angeblich in einem seiner Werke das Christenthum verhöhnt habe. Brandes ist aber erstens kein Jude, sondern Atheist, zweitens ist das von Stöcker angezogene Citat keine Verhöhnung, sondern eine Verherrlichung des Christenthums, und drittens rührt jenes Citat gar nicht von Brandts her. Stöcker sagt, er habe im Glauben gehandelt, aber das ist eben das Schlimme, daß er soche Thatsachen nicht kontrollirt. Er behauptete weiter, Max Hirsch sei Mitarbeiter der „Concordia." Hier hat er diese Behauptung abgeändert, daß Hirsch an dem Verein, der die Zeitschrift „Concordia" herausgebe, bctheiligt sei. An sich wäre der Umstand gleichgiltig, aber Hirsch ist ein Jude und daS paßte Herrn Stöcker in sein System. Hat Herr Stöcker die Schlüsse zurückgenommen, die er aus den von ihm vertretenen falschen Thatsachen gezogen hat? Thut er daS nicht, dann ist ein solcher Mann nicht wahrhaftig. Was die Beyschag-Afsaire betrifft, so behauptet Herr Stöcker, es sei nicht wahr, daß er den Stadtmissionaren den Auftrag gegeben habe, den „Reichsboten" zu vertreiben. Er hat aber von vornherein zugeben müssen, daß ein Missionar bei einem Abonnenten das „gottlose" Berliner Tageblatt durch den Reichsbotcn ersetzt hat. Weiß Herr Stöcker nicht, daß es auch eine Ratihabirung gibt? Ich wollte den Missionar sehen, der länger in seinem Amte geblieben wäre, wenn er ohne Billigung seines Vorgesetzten Stöcker derart in die politische Agitation eingegrissen hätte! Es ist thatsächlich richtig, daß er durch eine derartige — wenn auch stillschweigende — Billigung Religion und Politik verquickt hat, und wenn er das leugnet, so macht er sich der Unwahrheit schuldig. Ist das nicht eine solche Verquickung, wenn man Hilfskräfte im geistlichen Amt dazu benützt, um für den „Reichsboten" Abonnenten zu sammeln? ES ist ebenso unpasiend, als es ungehörig wäre, wenn durch die Missionare das „Berliner Tageblatt" oder die „Vossische Zeitung" verbreitet würde. . Schluß folgt.) Zeitungsnachzichten und Correspondenzen. Deutschland. Witten, 12. Juni. Kürzlich gestattete ich mir, Ihrer geschätzten Zeitung eine Notiz zu übersenden, in welcher ich Ihnen den Zeugen Kaufmann H. Koch aus Herdecke schilderte, der in dem Prozesse, den der Kaufmann Moritz Lindenbaum in Witten gegen den Führer der dortigen Anttsemiten Dr. med. König angestrengt hatte, gravirend gegen den Privatkläger ausgesagt hat. Koch, der früher (vor etwa 8—10 Jahren) in dem Lindenbaum'schen Geschäfte als Buchhalter thätig war, beschwor nämlich in dem Loschen Geschäfte seien betrügerische Manipulationen vorgenommen worden. Als nun der Zeuge wiederholt vom Richter befragt wurde, ob er schon wegen Betruges bestraft sei und zwar mit Gefängniß, da sagte er erst: „So viel ich weiß, nicht." Als der Richter aber eine ganz klare Antwort verlangte, da sagte der Zeuge „nein". Kurz darauf zeigte er aber dem Staatsanwalt an, daß er bei „Durchsicht seiner Personalakten" gefunden, daß er wegen Betruges doch mit Gefängniß bestraft sei und zwar in Hannover und in Hagen mit 4 bezw. 3 Monaten. Vom Schwurgericht in Hagen ist Koch nun gestern wegen wissentlichen Meineids zu einem Jahre Zuchthaus verurtheilt worden. Dem Angeklagten kam der § 158 des St.-G.-B zu Gute, nach welchem die Strafe bedeutend ermäßigt werden kann, wenn der Meineidige seine Aussage widerruft,, ehe Anzeige gegen ihn erfolgt. Aus Schlesien. In der Sache Silberstetn- Ujest veröffentlicht Herr Apothekenbesitzer Pusch in Ujest folgendes Schreiben: Ich erkläre hiermit alle Angaben, die mich und den Apothekergehilfen Silberstein angchen, für unwahr. Herrn Silberstein ist meinerseits bereits am 20. April vielfacher Gründe wegen gekündigt worden. Einige Tage darauf ersuchte ich ihn sogar sofort das Geschäft zu verlassen. Tie Kündigung resp. Entlassung hängt nicht mit seiner Confession zusammen, am allerwenigsten ist die Kündigung resp. Entlassung desselben veranlaßt worden durch einen mir direkt oder indirekt ausgesprochenen Wunsch der Frau Herzogin von Ujest. ./

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