Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1885)
- Date
- 1885-06-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. \ . Beilage ju Nr. 47 des Israelit. TelegvAnrirr. Berlin, 13. Mai, Abends IO Uhr. Die heutige Verhandlung im Prozesse S f 0 jft e V gestaltete sich zu einer sensationelle«, indem die Bertheidigung Herrn Sköckrrr eines falschen, vor Gericht abgelegte» Eides beschnldigte. Der Beweis dafür wurde derart erbracht, datz selbst der Staatsanwalt zu gestehen mutzte, Herr Sröckor habe in der Affaire Ewald falsch geschworen. Das ist -er Mann, der Lu jüngster Zeit -Le Eide der Juden zu verdächtigen sich bemühte! — Das Urtheil wird nächsten Dienstag verkündigt werden. Leitender Artikel. Amerikanische Briefe, r. □ New-Aork, )vd n"">. Ist es für jeden neuen Correspondenten eines Blattes schon schwer, seine Artikel so zu gestalten, daß sie dem ganzen Leserkreis gefallen, um wie viel schwerer ist es für den amerikanischen Correspondcnten, sich in richtiger Weise bei europäischem Publikum und dazu noch bei jüdisch-orthodoxem einzuführen. Wenn Schreiber dieser Zeilen nun doch an die schwere Ausgabe herantritt, in wahrheitsgetreller Weise von Zeit zuZeit, und zwar recht oft, über jüdische Verhältnisse zu berichten, jüdisches Leben und Treiben in diesem Lande und ganz besonders in dessen Mettopole von conservativem Standpunkte aus zu schildern, so ist er von drei Gründen geleitet: 1) Kömmt er dem Wunsch einer großen Anzahl von Freunden des „Israelit" dies- und jenseits deS Ozeans nach. 2) Weiß er aus Erfahrung, daß, so vielfach auch die Beziehungen zwischen der alten und neuen Welt sind, doch man in Europa mit den jüdischen Verhältnissen hierselbst sehr wenig in richtiger Weise vertraut ist, und daraus folgernd hofft er: 3) neben der getreuen Berichterstattung, auch belehrend zu wirken und vielleicht in diesem Lande für das wahrhafte Judenthum manches Gute zu leisten. Genaue Kcnntniß der hiesigen Verhältnisse, Bekanntschaft mit Männern der verschiedensten Schattirungen ermöglichen es, so wahrheitsgetreue Berichte zu bringen, wie man sie von einem Blatte wie der „Israelit" ist, verlangt. Möge der werthe Leser bei Durchsicht der amerik. Briefe aber auch bedenken, daß sie von einem Manne geschrieben sind, der sich an amerikanische Berhältnisse gewöhnt hat, wo man in der Presse stets und unverhohlen die Wahrheit sagen kann, wenn sie auch bitter lautet. Und so mögen denn die amerikanischen Briefe dazu beitragen, den Leserkreis des „Israelit", der in Amerika nicht minder groß wie in Europa ist, inuner mehr zu erweitern. Wo dies Blatt Eingang findet, da ist cs gewöhnlich gilt um das Judenthum bestellt, und wenn dies nicht der Fall, so bringt das Lesen, wie Beispiele hier zu Lande beweisen, die bessernde Wirkung hervor. — . Das orthodoxe Judenthum ist leider bei der großen jüdischen Bevölkerung New-Aorks nicht sehr zahlreich vertreten; im polnischen Viertel gibt es zwar noch eine Anzahl n'wnü »na und viele fromme Männer, allein das Häuflein der gesetzestreuen v'lwL« ist ein winziges. Wohl gibt es mehrere Gemeinden, die sich Orthodox nennen, allein was nützt ein Gottesdienst ohne Orgel (das ist hier schon sehr orthodox), wenn bei vielen Mitgliedern, vielleicht sogar beiden Häuptern das wahre Judenthum fehlt? Doch hierüber ein andermal, heute sei es mir nur gestattet, wenige Worte über eine Congregation (Gemeinde) zu sagen, die, wenn auch nur sehr klein, doch eine Zierde des orthodoxen Judenthums bildet, wenn derselben auch ein Rabbiner als geistliches Oberhaupt fehlt. Es ist wohl gut, wenn ein gelehrter Rabbiner einer Gemeinde vorsteht, allein besser keiner als ein solcher, der „Ver"-Führer als Führer ist. Daß die Rabb. hierzulande mehr verdorben als gut gemacht haben, das wird jedem klar, der einigermaßen mit den Verhältnissen vertraut ist. Die Gemeinde, die ich im Auge habe, ist unter dem Namen crn mw (Orach Chajim) von einigen frommen Männern vor ungefähr 6 Jahren in's Leben gerufen worden, und wenn auch die Zahl der Gemeindemitglieder (20) noch klein ist, so erfreut sich