Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1885)
- Date
- 1885-06-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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777 Pesth, 8. Juni. Im Convente des reformirten Donau-Districts thcilte Bischof Szasz mit, daß der neugewählte Ober-Curator Graf Ludwig Tisza zu kirchlichen Zwecken 10,000 fl. gestiftet habe. (Eljeu-Rufe.) Der Bericht des Bischofs Szasz constatirt. daß im ganzen Districte Friede und Ordnung herrsche. Nur bei der Constitnirnng des Kecskemeter Presbyteriums habe die sogenannte unabhängige Antisemiten-Partei eine besondere Candidatenliste zusammengeftellt, während die reformirte Kirche nichts mit dem Antisemitismus gemein habe. Derartige an dem Körper der reformirten Kirche zu Tage tretende Pestbeulen, heißt es im Berichte, müßten mit glühendem Eisen ansgebrannt werden. Pefth. Zum Neubau der Tißa-Eslarer Synagoge hat die ungarische Regierung 500 fl. gespendet. Hereltet. (Zine Erzählung von Friedrich Rott. Zwanzigstes Kapitel.*) Vier Wochen waren verstrichen. Unsere Reisenden hatten die herrlichsten Punkte der Schweiz und einen Theil Oberitaliens durchstreift. Viktor hatte sich während dieser ganzen Zeit nicht bewegen lassen, etwas Anderes zu genießen als Brod, Obst oder Fische. Von Tag zu Tag schien es jedoch dem ängstlich besorgten Vater, als ob der einst so lebhafte, blühende Knabe bleicher und wortkarger werde, und angstvoll fragte er sich, wie das weiter gehen werdet Daß er nachgeben könne, hielt er nicht für möglich. Erhoffte zwar noch immer, daß die Zerstreuungen der Reise die seltsame Hartnäckigkeit des Knaben endlich besiegen werde; doch Viktor zeigte kein Interesse weder für die großartigen Naturschönheiten der Schweiz noch für die reizvollen Landschaften Italiens und ebenso wenig für die herrlichen Baudenkmäler und die prächtigsten Kunftschätze. Theilnahmslos schweifte sein Blick über *) $9tt|(^Suy ililb alle die Sehenswürdigkeiten, die ihm nahezu im Uebermaß geboten wurden. Eines Abends, sie befanden sich in der Oper und eine der berühmtesten Sängerinnen hatte das überfüllte Hans zu donnerndem Applaus hingerissen — der bleiche Knabe starrte trämnerisch vor sich nieder und schien vollständig vergessen zu haben, wo er sich befand. Wieder und immer wieder erschollen die frenetischen Rufe des Entzückens, die prächtigsten Blumensträuße und Lorbeerkränze wurde auf die Bühne geschleudert und fielen zu den Füßen der Diva nieder, die sich dankend tief verneigte und abermals dnrchhallte ihre prächtige, glockenhelle Stimme den weiten Raum, mit angehaltenem Athcm lauschte das Publikum. — Da erscholl plötzlich der Ruf: „Feuer! Feuer!" Ein unheimlicher Brandgeruch machte sich bemerkbar und gleich darauf gewahrte man auf der Bühne eine hochlodernde Flamme. Eine furchtbare Panique entstand, alles drängt unter wilden Angstrnfen den Ansgängen zu. Ein sinnloses Durcheinauderschreien, ein nahezu sinnverwirrendes Getöse! Tie Massen der sich Drängenden stauten sich, und der Brandgeruch ward immer stärker, der Oualm nahezu erstickend. Tie Flammen griffen immer weiter um sich, jetzt war die Eonrtine anfgeflackert, das Holzwerk an den Gallcricn war ergriffen, und Hilferufe und Jammergeschrei von allen Seiten. Herr von Königstein hatte den Arm seines Sohnes ergriffen und hielt ihn, wie mit eiserner Faust. „Halte Dich dicht zu mir, Viktor, daß wir nicht getrennt werden!" Sie hatten das Vestibüle erreicht, die Massen drängten nach rechts, der Hauptstiege zu, aber der Menj'chenknäuel, der sich dort angesammelt, staute sich, und man vernahm die Angst- und Hilferufe der durch Erdrücktwerden Bedrohten. Herr von Königstein erspähte einen günstigen Moment, mit nahezu übermenschlicher Anstrengung entriß er sich und seinen Sohn der Masse der sich Drängenden und wandte sich links. „Komm!" rief er, „komm! dort muß es eine Nothstiege geben!" Und beide eilten raschen Laufs durch einen langen finstern Eorridor, der jedoch gegen das Ende zu Heller ward. Woher diese Helle kam, darauf achteten die Fliehenden nicht, aber Viktor erblickte die Nothstiege. *