Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 46 (11.6.1885)
- Date
- 1885-06-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Ei» Zentral - Hrgan für das orlkodore Iudenihum. Herausgegeben Oou l>r. Lehmann in Mainz. M> 46 Donnerstag, den 11. Juni 5645 (1885). Leitender Artikel. Me Sprüche der Jäter. XVII. Mainz, 8. Juni. Die nun folgende Mischna gibt uns noch einen Ausspruch Rabbon Gamliels, der in wenigen und eindringlichen Worten die wichtigsten Grundsätze unserer heiligen Religion enthält. Derselbe lautet: •p>sn rupjrio na yaana uan nvy ">d*n '*n wi ’jdc onrw psn tea’p na ,uun ’jed ,i:nro : -pun ,,Er pflegte zu sagen: Mache Seinen Willen zu deinem Willen, damit Er deinen Willen betrachte wie Seinen Willen; verzichte auf deinen Willen wegen Seines Willens, damit Er zerstöre den Willen Anderer vor deinem Willen." In diesen wenigen und eindringlichen Worten sind diejenigen Grundsätze ausgesprochen, die hervorzuheben besonders in unserer Zeit von hoher Wichtigkeit ist. Bekanntlich wird in der Gegenwart die Freiheit des menschlichen Willens vielfach bestritten. In unserer Zeit, in welcher die Naturwissenschaften eine so hervorragende Stelle einnchmen, wird allgemein gelehrt, daß Alles von unabänderlichen Naturgesetzen abhängig sei, und in diesen wissenschaftlichen Systemen findet die Freiheit des menschlichen Willens keinen Raum. Indem Rabbon Gamliel uns ermahnt unseren Willen nach dem des allmächtigen Gottes zu gestalten, setzt er das Dasein und die Freiheit unsres Willens voraus. — Ferner ist in diesem Ausspruche die Lehre von dem Dasein eines freien, persönlichen Gottes enthalten, der nach freiem Ermessen die Welt lenkt und leitet. — Ein dritter großer Grundsatz, den Rabbon Gamliel uns hier lehrt, ist der, daß unser Thun und Lassen auf die Weltlenkung im Allgemeinen und auf unsere Geschicke im Besondern Einfluß zu üben vermag. — Aber nach ein Viertes ist cs, was der große Weise uns hier offenbart, die Grundbedingung nämlich jeder Erziehung, der Selbsterziehung sowohl wie der Erziehung Anderer. Die Hauptaufgabe der Erziehung ist eine doppelte: den Willen zu stärken, den Willen zu brechen; den Willen zu stärken, insofern er auf das Gute, Wahre, Rechte' gerichtet ist; den Willen zu brechen, insofern er die Befriedigung schlimmer Neigungen und böser Wunsche anstrebt. Wie Leides in angemessenster Weise geschehen soll, lehrt uns Rabbon Gamliel. Ehe wir zur Ausführung und näheren Darlegung dieser vier Grundsätze schreiten, wollen wir zunächst diese Schlußworte Rabbon Gamliels im Zusammenhänge mit seinen vorangegangenen Aussprüchen betrachten. Wir haben bereits oben erörtert, daß Rabbon Gamliel die Thesen Schemaja's: „Liebe die Arbeit, Haffe die Herrschaft und geselle dich nicht zu den Gewalthabern —" näher erörtert und den Umständen gemäß ausführlich darlegt. Rabbon Gamliel warnt vor dem Uingange mit den Gewalthabern, deren Freundschaft nur eine scheinbare, eine von durchaus eigennützigen Motiven bewegte ist, die aufhört, sobald der Eigennutz und die Selbstsucht ihre Befriedigung nicht mehr finden: Wenn dem nun so ist, so wird sich Jeder von den Gewalthabern fern halten. Wer aber soll dann die Gefahren von der Gemeinde Israels fernhalten, wenn es gilt, vor die Könige und Fürsten hinzutreten, mit unser Volk zu verthcidigcn und zu beschützend Es wäre ja unnütz, sich ihnen zu nähern, gefällig und zuvorkommend gegen sie zu sein und ihre Gunst zu erringen, da sie ja doch den Menschen nicht beisteheu zur Zeit der Roth! Deßhalb fügt Rabbon