Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-06-04 · Heft 44 (4.6.1885) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 44 (4.6.1885)
Date
1885-06-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449544--22278-2511892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

725 Das wirkte; Viktor versprach, sofort zu Bett zu gehen, und Dr. Seebach entfernte sich. Doch obgleich der gewissenhafte Knabe gewissenhaft fein Wort hielt, Nuhe fand er auch im Liegen nicht. Schlaflos wälzte er sich in seinem Bette und als er am Morgen wieder unter seinen Kameraden erschien, erschraken alle über sein bleiches, verstörtes Aussehen. Sowohl beim Frühstück als auch beim Mittagessen hielt er sich nur an Brod, was jedoch nicht auffiel, sein krankhaftes Aeußere ließ Appetitlosigkeit natürlich erscheinen. Dankend nahm er auch die calmirendcn Tropfen, die Frau Dr. Seebach ihm reichte und auch die kühlenden, beruhigenden Getränke, die sic ihm verordnete. Nach dem Mittagessen bat er den Jnstitutsvorstehcr um Erlanbniß, seine Pflegeeltern wieder besuchen zu dürfen. Der Doctor blickte ihn mitleidig an. „Es thut mir leid, lieber Viktor, Ihnen diese Erlanbniß nicht crtheilen zu können. In Wirklichkeit, es thut mir leid." Der Knabe erblaßte. „Nur auf ein Stündchen —" bat er. Dr. Seebach zuckte die Achseln. „Es thut mir leid, aufrichtig leid - aber kommen Sie mit in mein Zimmer und Sie werden sich selbst überzeugen, daß ich Ihrem Wunsche nicht willfahren kann," „Ihr Kopf ist heiß, Sie scheinen ernstlich zu leiden — und doch bin ich nicht nur überzeugt, daß Ihr Leiden die Folge von Gemüthserregnng ist, ich glaube sogar mit Bestimmtheit, daß die GemüthSasfektlon noch anhält — Sie scheinen von Ihren Pflegeeltern irgend eine Thalsache erfahren zu haben, die Sie so heftig erregt - habe ich Rechts" Viktor neigte bejahend das Haupt. „Ihr Papa scheint das gefürchtet zu haben — es ist gut, daß er kömmt. — Aber er kömmt erst morgen — und doch wäre es vielleicht schon heute eine Erleichterung für Sie, wenn Sie über die Mittheilung, die Sie so sehr erschüttert hat, sich aussprechen konnten. — Ohne mich in Ihr Vertrauen drängen zu wollen — Sie wissen, wie sehr ich Ihne« zugethan bin — wollen Sie mir nicht sagen, was Sie erfahren habend" Der Ton des wackern Mannes war so gütig, es sprach solch' innige Theilnahme ans seinen Worten, daß Viktor abermals bejahend das Haupt neigte, aber feinen bebenden Lippen entrang sich kein Laut. Mitleidig betrachtete der Doctor den sichtlich Leidenden. Er entkorkte eine Flasche Sodawasser, die auf dem Tische stand, füllte den hochschäumenden Trank in ein Glas und reichte eS dem Knaben. Matten Schrittes, das Haupt auf die Brust geneigt, folgte ihm Viktor. Der Doctor trat an seinen Schreibtisch. „Sie haben vorgestern Ihrem Papa mitgetheilt, daß Sie Ihren Pflegevater getroffen haben?" Viktor bejahte. „Ich habe heute Morgen diese Depesche von ihm erhalten. Lesen Sie selbst: Halten Sie Viktor fern von den Maibaums. Ich komme morgen Mittag. Konigstein." Der Knabe stieß einen halbunterdrückten Seufzer aus, und lehnte sich, wie Stütze suchend, an den Schreibtisch. „Mich hat die Depesche sehr überrascht," fuhr der Docter fort; „lind dennoch, wenn ich bedenke, wie sehr der Besuch bei Ihren Pflegeeltern Sie erregt, ich mochte fast sagen erschüttert hat. Wie ich von meiner Frau erfahren, haben Sie seit gestern Mittag nichts gegessen." „O doch," sagte Viktor leise, „aber nur Brod." „Nur Brod — bei so matter Eßlust hätten Sie gar kein Brod essen sollen. Braten wäre weit besser gewesen oder Bouillon. Vielleicht trinken Sie jetzt noch eine Tasse, es würde Ihnen gut ihuu." Viktor schüttelte abwehrend den Kopf und nnirmelte einige Dankesworte. Der Doctor schüttelte ebenfalls den Kopf, und berührte mit seiner Hand die Stirne des Knaben. „Trinken Sie, lieber Viktor, es wird Sie erfrischen." Hastig leerte Viktor das Glas und athmete erleichtert auf. „Ich danke," sprach er leise, „das hat in Wirklichkeit gut gethan." „Das freut mich," erwiderte der Doctor, „und nun, mein lieber, junger Freund, ich glaube, Sie lvollten mir mittheilen, was Sie von Ihren Pflegeeltern erfahren haben. — Also - Herr oder Frau Maibaum haben Ihnen mitgetheilt, daß? —" „Daß ich Jude bin," sagte Viktor leise, aber mit fester Stimme. „Daß Sie Jude waren, wollten Sie sagen. Nun, das hätte ich Ihnen auch mittheilen können. — Aber, mein liebes Kind, ich begreife nicht, wie diese Mittheilung Sie so heftig erregen konnte. Es ist doch wahrlich keine Schande, der jüdischen Nace entsprossen zu sein. War doch unser Heiland selber, gleich Ihnen, als Jude geboren, nnd manche der bedeutendsten Männer unserer Zeit, so der größte, englische Staatsmann der Gegenwart, Lord Beakonssield und wie viele der bedeutendsten Vrünstler. Und Sie gerathen außer sich, weil Sie erfahren,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.