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Der Israelit · 1885-06-04 · Heft 44 (4.6.1885) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 44 (4.6.1885)
Date
1885-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXVI. Jahrgaug. M 44. Der Israelit. E i n Kenlrak - Grgan für das orL6odo.re Iudentfium. Hcrausgegebeu von I)r. Lchnraun in Mai».;. D o n u c r ft a g, d e u 4. I u u i 364-5 (4883). Leitende Artikel. Me Sprüche der Käter. XV. Mainz, I. Juni. Der allgütige Gott hat den Menschen bevorzugt vor allen übrigen Geschöpfen, indem Gr ihm den denkenden Geist und tausend andere Vorzüge verliehen. Aus der gesammten Menschheit hat Gott da« Volk Israel emporgehoben, dem Gr sich offenbart, dem Gr Seine Thora gegeben hat. In ihr finden wir die höchste Weisheit, und durch das eifrige Forschen in ihr werden wir stets weiser, besser und vollkommner werden. Das Studium der Gotteslehre ist daher unser erste, größte und heiligste Pflicht. Zu den höchsten Vorzügen des Menschen gehört die Freiheit des Willens. Der Arensch ist frei geboren, ist frei nach allen Seiten hin. Erziehung, Gewöhnung, Ausbildung des Geistes können den Menschen wohl beeinflussen; sie können ihn aber in keiner Weise unfrei machen. Trotz sorgfältigster Grziehung, trotz bester Gewöhnung und trotz der vorzüglichen Ausbildung des Erkenntnißvermögens ist der Mensch des Kampfes nicht überhoben, des Kampfes gegen böse Steigungen und schlimme Leidenschaften. In diesem Kampfe ist das Thorastudium ein wichtiges Mittel zur Erringung des Sieges; allein es ist noch nicht der Sieg; ja, im Thorastudium selbst gibt eS nach drei Seiten hin Gefahren, die auf Abwege führen können; und gegen diese Gefahren zu warnen hat Nabbon Gamliel in unserer Mischnah sich zur Aufgabe gemacht. Die erste Gefahr ist die der Ueberhebung. Wer die Erforschung der Gotteslehre zur Aufgabe seines Lebens gemacht und große, umfassende Kenntnisse sich erworben hat, kann leicht dahin gelangen, daß er mit Geringschätzung auf die unwissende Menge herniederschaut, sich stolz und abstoßend gegen seine Mitmenschen benimmt; er wird damit wenig Gutes auf Erden bewirken, er wird die Menschen nicht für die Thora gewinnen, sondern sie von ihr entfernen. Daher lehrt Nabbon Gamliel: Schön ist das Studium der Thora, verbunden mit der Weltsitte. Sei höflich, freundlich und liebevoll deinen Mitmenschen gegenüber; dann wird es dir gelingen, daß deine ans der Thora geschöpften Lehren bei der Menge Eingang finden, auf daß sie der Sünden vergessen und deinen Belehrungen gemäß ihren Lebenswandel einrichten. Eine andere Gefahr ist die, das; die wissenschaftliche Beschäftigung höher geschätzt wird als die wcrkthätige Bewährung. Wohl ist in gewisser Beziehung das Studium höher zu schätzen als die That, insofern nämlich, daß das Studium zur That veranlaßt und in der wcrkthätigcn Bewährung des Erlernten und Erkannten kräftigt. Wenn aber das Studium nicht zur That führt, wenn Jemand noch so gut die Vorschriften der Gotteslehren kennt und sic nicht beobachtet, so ist sein Wissen ihm kein Vorzug, sondern ein Aachthcil. Der Unwissende sündigt aus Unwissenheit, aus Jrrthum; wer aber die Gebote Gottes kenut und sie dennoch nicht übt, der lädt eine schwere Schuld auf sich. Daher lehrt Nabbon Gamliel: „Und jede Thora, mit der eine werkthätige Beobachtung der Pflichten nicht verbunden, wird am Ende nutzlos und führt zur Schuld." (Vergleiche Midrasch Schmuel). Auch Derjenige, welcher Thorakeuntuiß mit Weltsitte verbindet und die erworbene Kenntniß durch wcrkthätige Ausführung bewährt, ist einer großen Gefahr ausgesetzt. Gin solcher wird von seinen Mit-

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