Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-05-18 · Heft 39-40 (18.5.1885) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 39-40 (18.5.1885)
Date
1885-05-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449541--22195-2511858
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

653 Reiseplan schon bekannt werde. — Doch vor Dir habe ich kein Geheimniß, das weißt Du!" Um Hugo's feingespaltene Lippen spielte ein Lächeln. „Das weiß ich gerade nicht, ich weiß nur, daß Du kein Geheimniß vor mir zu haben brauchtest, denn ich bin kein Plauderer und Du kannst keinen besseren Freund haben als ich es Dir bin." „Das weiß ich, und darum habe ich auch kein Geheimniß vor Dir. Also denke Dir nur, mein Papa schreibt mir, daß er eine Ferienreise mit mir machen will, zuerst nach der Schweiz und dann nach Italien. D. h. in der Schweiz werden wir uns nur an einigen Punkten aufhalten, aber in Italien desto länger. Und alle die schönen Städte und ihre Merkwürdigkeiten werden wir besichtigen. Venedig, Mailand, Nom, Neapel u. s. w., u. s. w., u. s. w. und den Vesuv und —" „O Du Glücklicher!" rief Hugo, „wenn Du nicht mein bester Freund wärest, könnte ich Dich beneiden." „Das glaube ich nicht. Aber weißt Du, was ich möchte? — Daß Du uns begleitest. — Mit Dir zusammen alle die Herrlichkeiten zu bewundern, das wäre doppelt schön. — Komm, schreibe Deiner Mama und bitte sie, Dich mit uns reisen zu lassen. Mein Papa, das weiß ich, würde sich herzlich freuen." Hugo aber schüttelte das edel geformte Haupt. „Nein," sprach er, „das werde ich nicht thun. Meine Mama ist nicht reich, sie thut ohnehin soviel für mich, daß es Sünde wäre, wollte ich noch mehr verlangen." „Das ist Schade," entgegnete der Andere, „wenn ich wüßte, daß es Dir nicht unangenehm wäre, so würde ich meinen Papa ersuchen, Dich so mitzunehmen." „Was fällt Dir ein!" rief Hugo erröthend, „meinst Du, ich möchte mich umsonst mitnehmen lassen?" „Mein Papa würde es mir zu Gefallen gern thun, und wenn Du mir ein so guter Freund bist, wie ich Dir einer bin —" „Daran kannst Du doch nicht zweifeln. Aber sprich aufrichtig. Würdest Du an meiner Stelle Dich umsonst mitnehmen lassen?" „Wenn ich meinem besten Freunde dadurch einen Gefallen erweisen würde, allerdings." Hugo schüttelte den Kopf. „Das verstehst Du nicht. Du würdest Dich ebensowenig von mir freihalten lassen, als ich mich von Dir freihalten lassen mag. Aber schreiben mußt Du mir Alles ganz genau." „Das ist natürlich; wenn Du nicht bei mir bist, werde ich Dir täglich schreiben, oder vielmehr an jedem Abend und Dir ausführlich erzählen, was wir am Tage besichtigt haben." „Das ist schön, dann werde ich die Reise in Gedanken mitmachen und werde am Ende eben so große Freude daran haben wie Du." „Mein lieber, guter Hugo! — es ist doch Schade, daß Du nicht mitreisest. Aber, wenn ich zurückkomme, dann gibst Tu mir meine Briefe zurück. damit ich sie als Reiseerinnerung aufbewahre." „Die Briefe, die Du an mich schreiben wirst, die gebe ich Dir nicht zurück, dazu sind sie mir zu theuer. Aber ich werde sie copiren und die Eopie sollst Du haben, und zwar in der Form eines Tagebuches." „Um so besser, da mache ich ein gutes Geschäft." „Und das Tagebuch," fuhr Hugo schelmisch lächelnd fort, „das mußt Du dann in die rothe Saffianmappe legen, worin Du das Eouvert aufbewahrst, das Du alle Morgen an die Lippen drückst.". „Was für ein Couvert?" rief der Andere, indem dunkle Gluth seine Wangen überzog. „Wie Du roth wirst," lachte Hugo, „Du weißt recht gut, welches Couvert ich meine." „Weißt Du," sagte Vittor, die Bemerkung des Freundes beinahe überhörend, „auf was ich mich beinahe am meisten freue? — auf Pompeji — das wird interessant sein! —" Hugo unterdrückte einen Seufzer. „Du mußt mir aber Alles ganz genau erzählen." „Gewiß, gewiß, das versteht sich von selbst." „Weißt Du was Du thun mußt, bevor Du die Reise antrittst? Du mußt Mm last days of Pompey lesen." „Von Bulwer, das habe ich schon voriges Jahr gethan, während der Ferien. Ich vermnthe sogar, daß das die Veranlassung zu meiner Reise ist. Es hat mich nämlich so sehr interessirt, daß mir geträumt hat, ich wäre in der wieder ausgegrabenen Stadt gewesen, wäre in den Straßen herumgegangen und in den Häusern und da habe ich meinem Papa so viel davon erzählt, und ich erinnere mich, Papa hat immer so eigenthümlich gelächelt, wenn ich davon angefangen habe, daß ich vermnthe, daß schon damals der Reiseplan entworfen ist." „Du Glücklicher! Dir kommt in Wirklichkeit das Glück im Schlafe. Aber sage mir doch, was hat Dir denn vorige Nacht geträumt?" „In voriger Nacht? — vermmhlich gar nichts. Wenigstens erinnere ich mich dessen nicht."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.