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Der Israelit · 1885-05-14 · Heft 38 (14.5.1885) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 38 (14.5.1885)
Date
1885-05-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXVI. Jahrgang. Beilage ju Nr. 38 -es Israelit. Leitender Artikel. Briefe über die ßrzichung der Mädchen im Iudentßnm und zum Zuden1l)um von H. Berger. II. Meine, in meinem ersten Briefe ausgesprochenen Ansichten haben Dein Wohlgefallen, jedoch das Lächeln und den Spott einiger „Aufgeklärten" Deiner Familie erregt. Das ist uns Juden nichts Neues während der gebildete und aufgeklärte Christ den gesetzestreuen Juden hochachtet, hat der sog. „aufgeklärte" (!) Jude oft Spott und Lachen für ihn. Das ist so in der Welt und darf uns nicht genieren. Wenn man als Kind daran gewöhnt wird, thut es dem Erwachsenen nicht weh. — Die Sabbat- und Speiscgcsetze sind schon ein Prüfstein für den festen Willen und den Eharactcr. Das Kind darf in den Wochentagen sein Spielzeug zerreißen, es darf schreiben, waschen, seine Puppe baden rc. k. Sobald der Freitag-Abend herannaht, da Horen diese Dinge auf, erlaubt zu sein; ein Höherer hat es verboten, das Kind sicht, Vater und Mutter und Geschwister unterordncn sich dem höheren Gebot, und auch das kleine Mädchen widersteht dem Verlangen nach der gewohnten Beschäftigung und lernt dadurch seinen Willen, seine Begierden, dem Willen eines Anderen unterzuordnen. Ebenso bei den Speisegesetzen. — Nun tritt die Frage heran, wie steht die jüdische Erziehung den Erziehungsanstalten der Neuzeit, den Kindergärten gegenüber? Wie schon erwähnt, ist die jüdische Erziehung von vornherein Familicncrziehung und muß es in ihrer Eigenthümlichkeit auch bleiben. Ich halte von pädagogischem Standpunkte aus den Kindergarten, wenn er nicht von einer Jüdin in religiösem Geiste geleitet wird, verderblich für jüdische Kinder. Das Mädchen, welches mit dem 4. Lebensjahre von den Eltern in den Kindergarten geschickt wird, befindet sich in vielen Hinsichten in einem Dilemma, aus welchem es sich unmöglich helfen kann. Im Kindergarten wird deutsch gebetet; warum beten Vater und Mutter nicht auch deutsch? Zu Hause darf es Milch und Fleisch nicht zusamnien essen, ja, es steht die Mutter stellt das Geschirr, in welchem Milch aufbewahrt, mit dem, in welchem sie Fleisch anfbewahrt, nicht auf einen Tisch, und die Nachbarin im Kindergarten hat zum Frühstück Bniterbrod mit Wurst belegt. Ihm wird davon angeboten — man muß keine Kinder kennen, um zu glauben, das Mädchen sei stark genug, zu sagen: Ich darf Butter und Fleisch nicht zusanuuen esien. Tie Versuchung ist zu groß und das Speisegesetz wird wohl öfters übertreten werden, ohne daß die Eltern es wissen, ja das Mädchen wird es der Mutter verheimlichen. -- Im Kindergarten werden Weihnachtsliedcr gesungen und von diesem Fest erzählt; das Kind wird auch vom Christkinde Dir erzählen, Dir Weihnachtslicder singen, aber weder vom Sedcr-Abend, noch vom (.^hanukkahlicht wirst Du zu hören bekommen. Es vereint sich deshalb die Familienerzichung der Juden schwer mit den Erziehungsanstalten unserer Zeit. Unsere Kinder werden zu früh schon in den Kampf, den selbstständigen Kampf für die Religion der Väter geführt; darum erliegen auch so Manche in dicscnt Kampfe. Oder denkst Du Dir dT so leicht für ein Kind, den eignen Willen zu bekämpfen? Heißt es ja doch: Sich selbst zu bekämpfen ist der schwerste Krieg. Darum rathe ich Dir, Dein Kind nicht zu früh in den Kampf zu schicken. Der natürlichste Beistand, die Mutter, sei ihrn stets zur Seite, und an dieser nehme cs sich ein Muster religiöser Treue. Anders verhält sich die Sache, wenn ein, in jüdischem Geiste geleiteter, von jüdischen Kindern besuchter Kindergarten Dir zur Verfügung steht. Aber auch hier gilt das große Wort: die jüdische Erziehung ist Fa- »nliencrziehung und die Familie kann durch kein . Surrogat ersetzt werden. Die Hauptkraft unserer Erziehung ist ihre Patriarchalität und gerade deshalb ist sie, obschon so alt, stets neu. Das epochemachende Werk Pestalozzis: Wie Getrud ihre Kinder lehrt; „Licnhard und Gertrud", ist nichts als eine Schilderung echt jüdischer Erziehung. Alle die Tugenden der Frau, welche Salomo» in seinem Esches chajil so hoch preist, werden durch die Erziehung der Mutter-, ün Familienkreise erworben, und alle die Familiemmtngenden, welche das Unglück so vieler Männer und Familien herbciführen, als da sind: Putzsucht, Verschwendungssucht, Prahlerei und Großthuu sind ein Product der Erziehung iju unjüdischcu Sinne. Darum sind auch «ach unserer Religionslehrc Kinder eru Segen, welche den Eltern

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