Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-05-11 · Heft 37 (11.5.1885) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 37 (11.5.1885)
Date
1885-05-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449539--22159-2511820
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«10 Marokko. Fez. In der ersten Peßachuacht wurde ein Maure gesehen, welcher längere Zeit im Judenviertel spazieren ging. Derselbe war vollständig bis zu den Angen eingehüllt und zwei Sklaven folgten ihm respectvoll in einiger Entfernung. Einige Personen, welche in ihm nach dessen Erscheinung eine hohe Persönlichkeit vermutheten, folgten ihm und sahen zu ihrem Erstaunen, daß er in den kaiserlichen Palast zurückkehrte, woselbst er das Thor durch einen Privatschlüssel öffnete und in den Harem eintrat. Es liegt die Bermuthung nahe, daß es der Sultan selbst gewesen, welcher sich, ohne in die Häuser, deren Thüren, wie in dieser Nacht üblich, offen standen, einzutreten, die Eeremonicn der Inden in der Scdernacht anseheu wollte. Der frühere Tragoman bei dem französischen Eonsul, Herr Hecquard, welcher sich hier zu Lande dadurch berüchtigt gemacht hat, daß er eine jüdische Frau baftioniren ließ, wollte sich dieser Tage in Marokko niederlassen. Ter französische Minister aber verbot ihm strengstens zu landen. Feuilleton. Gerettet. tfmc Erzählung von Friedrich Rott. Dreizehntes Kapitel. Es war Sabbat. Maibaums Wohnzimmer war wie sonst sabbatllch geschmückt, weißes Linnen deckte den großen eichenen Tisch in der Mitte, so wie das kleine Tischchen in der Nähe des Ofens und das Pfcilerschränkcheu zwischen den Fenstern. Herr Maibaum saß am Tische und lernte, seine Frau ihm gegenüber hatte gleichfalls ein aufgeschlagenes Bnch vor sich, auf das ihr Blick gerichtet schien, doch in Wirklchkeit war er es nicht, denn das Buch lag verkehrt vor ihr, und aus den nur halb geöffneten Augen stahl sich langsam Thräne auf Thräne über ihre bleichen faltigen Wangen. Ihr Gatte, beim Lernen halblaut summend, wie das seine Art war, warf doch hin und wieder einen Blick aus die ihm Gegcnübersitzende. Endlich erhob er sich, schloß kopfschüttelnd den Folianten und trat zu seiner Frau. „Heute ist Sabbat," sprach er im Tone leisen Vorwurfs, indem er seinen Arm um ihre Schlittern legte, „heute müssen wir alte trüben Gedanken bannen." „Sabbat," wiederholte sie seufzend, „der fünfte Sabbat, seit das Kind nns entrissen worden. — Wie war er so fromm der holde Knabe, wie so ernst gewissenhaft, weit über seine Jahre. - Erinnerst Du Dich, wie er am lebten Sabbat die Suppe nicht essen wollte, weil er behauptete, er wäre nicht mehr krank und darum dürfe das Essen nicht mehr für ihn gewärmt werden?" Maibaum einen Seufzer unterdrückend, nickte wiederholt mit dem Kopfe. „Er ist ein braver Knabe und wird mit Gottes Hilfe einmal ein braver Mann werden." Sie blickte beinahe erstaunt zu ihm ans. „Das glaubst Du?" „Ich hoffe es," entgegnete er mit Bestimmtheit. Sie schüttelte seufzend den Kops. „Es kommt eben daraus an, was man brav nennt. - Wie er aber im Hause seines getauften Vaters ein frommer Jude werden oder bleiben könnte, das ist mir ein Näthsel. - Bedenke, er ist noch nicht sechs Jahre alt und sein Vater, er hat es doch so fest versprochen, das Kind täglich zu uns zu schicken - und vier Wochen sind verstrichen, und wir haben es noch nicht ein einziges Mal bei nns gesehen. - Macht da so viele Worte von dem Dank, den er uns schuldet und kann sich doch denken, wie sehr wir uns nach dem Kinde sehnen, aber daß es uns jetzt besuchen sollte — nein, dazu ist es zu vornehm." Maibauin schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht, bestimmt nicht, es war ihm Ernst mit seinem Versprechen. Aber er hat sein Kind nicht gekannt, er hat geglaubt, weil es noch so'n kleines, liebliches Kerlchen ist, da kann er es leichthin lenken, wie er will. Aber der Junge hat einen Helten, klaren Kopf und einen eisernen Willen. Ich bin überzeugt, er hat nach Kiddusch und Hawdoloh verlangt, und als er gesehen haben wird, daß es nichts damit ist, da wird er am Ende nicht haben essen wollen. Das wird den Vater geärgert haben und das wird der Grund sein, weshalb er ihn nicht zu uns schickt. Dann schließlich wird er ihn ja doch dazu gebracht haben, daß er ißt, und da wird er nun fürchten, wenn er zu uns käme, würden wir ihn wieder gegen ihn aufreizen." „Du magst Recht haben, so wird es sein. Das arme, arme Kind! — wenn ich ihn nur eine Viertelstunde hier haben könnte. — Du glaubst nicht, wie ich mich nach ihm sehne." „Und warum sollte ich das nicht glauben?" fragte er und seine Stimme bebte merklich, „meinst Du, er fehlte mir weniger als Dir? — Aber trotz meiner Sehnsucht betrachte ich es als gutes Zeichen, und ich möchte fast sagen, ich freue mich, daß er es nicht wagt, ihn zu nns zu schicken, daß er unfern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.