Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 35 (4.5.1885)
- Date
- 1885-05-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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588 Zeitungsnachrichten und Cvrrefpondenzerr. Deutschland. Berlin, 29. April. Hofprediger Stöcker hat wieder einmal eine Unwahrheit gesagt! Diese Thatsache wäre an sich nicht weiter bemerkenslverth und als besondere Neuigkeit zu vermelden, wenn nicht der „Jrrthum" diesmal so fatale folgen gehabt hätte. Der Thatbcstand ist folgender: Bor einigen Monaten brachte die antisemitische „Staatsbürger-Zeitung" spaltcnlange Artikel, in denen behauptet wurde, das; die Juden in einem Gebete: „Kol-Nidrc" am Eingänge des Versöhmmgstages alle zukünftigen Eide für nichtig und nngiltig erklärten. Als Verfasser der Artikel signrirte ein verkommener Soldschrcibcr, der jeine Religion, in der er geboren, für K> Pfennig pro Zeile durch erlogene Anklagen zu dennnciren pflegt. Die anderen Hetzblätter druckten diese ungeheuerliche Verleumdung ab, und Herr Pickenbach „bearbeitete" sic in einer Vierrede. Selbstverständlich ignorirte man „Staatsbürger-Ztg.", Pickcnbach und Eonsortcn. Da tritt Herr Stöcker auf und sagt in seiner letzten „christlich-sozialen" Versammlung: „Einer der gelehrtesten Berliner jüd. Talmndistcn, ein ehrlicher, wahrhaftiger Mann, hat die leichtfertigen Begriffe des Talmuds über den Eid ans Licht gestellt. Danach wird noch heute in den Synagogen an einem bestimmten jüd. Festtage ein Gebet' vom Vorbctcr vorgesprochen nnd von der Gemeinde nachgebetet, des Inhalts, das; alle Eide, Schwüre und Gelübde von diesem bis zum nächsten Versöhnungstage nicht bindend, nicht gültig, daß sie keine Eide, keine Schwüre, keine Gelübde seien. In dieser, auch den leisesten Ansprüchen der Redlichkeit nicht genügenden Leichtfertigkeit liegt doch eine große Gefahr. Man sicht daran, wohin die Entartung des Indcnthumes führt." Zn diesen „Auslassungen" des Herrn Stöcker haben wir zu bemerken, daß der „ehrliche, wahrhaftige Mann", der „gelehrte jüd. Talmudist" jenes verkommene Individuum ist, das für 15 Pfennige, pro Zeile, hetzt. Dieselbe „Kreuzzeitung", welche den Bericht über die Rede gebracht hat, theilt nun eine Zuschrift des protestantischen Prof. D r. Herm a n n Strack mit, in der es heißt: „Es ist unmöglich, daß ein jüdischer To.lmudist in der angegebenen Weise sich geäußert hat. Nur unwissende jüd. Bösewichte können die Formel des Gebetes als eine Handhabe betrachten, mittelst welcher vcn übernommenen Verpflichtungen zn befreien möglich sei. Denn in der Formel ist nicht die Rede von Eiden, die ander e n g el e i st e t w e rde n, sonder» nur von Gelübden, Verpflichtungen, die man sich selbst anftrlegt. Gelübde und Eide, welche einem Andern geleistet sind, sind unlösbar, außer wenn die betheiligte Person anwesend und einverstanden ist Das ist die einstimmige "Ansicht der maßgebenden jüdischen Autoritäten." Herr Prof. Strack hat hiermit dem Herrn Hofprediger den Nachweis erbracht, daß er sich wieder einmal — „geirrt" hat und gewiß werden alle gesitteten Elemente dem wackeren Vertreter der Wahrheit hierfür nur dankbar sein können. Andererseits aber wird man sich die Frage vorzulegcn haben, wie weit denn Herr Stöcker seine Hetzereien treiben, ob er cs wagen darf, eine vom Staate anerkannte Nelkgionsgesellschaft zu verläumdcn und ihre Gesetze zu bezüchtigen, daß sie den Meineid gebieten. Es wäre dringend zu wünschen, daß von berufener Seite gegen diese flagrante Gesetzcsvcrletznng Klage erhoben und so auch allen anderen Helden das Handwerk gelegt werde. P a l ä st i n a. Das Grab unserer Stammmutter Rachel wollten die Einwohner des Dorfes Lamra vermauern. Tie Juden von Hebron wandten sich au den Pascha von Jerusalem und dieser ließ die bereits anfgeführte Mauer niederreißen und die Rädelsführer verhaften. Der Pascha stellte zugleich Wachen vor denr Eingänge des Grabes auf, damit Niemand verhindert werde, daselbst sein Gebet zu verrichten. T ü r k e i. 5ronftautittopel. Nach einer amtlichen Mittheilung sind bei Gelegenheit der in Kadikoi stattgefundenen Ausschreitungen gegen die Juden 68 von den Ruhestörern festgenommen worden, nämlich 48 Griechen, worunter 5 Frauen, l 4 Armenier und i Kroate. Rach derselben Quelle sind dabei 687 Fensterscheiben eingcschlagen, 4 Lampen, 2 Teller und l Spiegel zerbrochen und 6 Vorhänge zerrissen worden. A b e s s y n i e n. Anschließend an die jüngst von uns gebrachte kurze Schilderung der schwarzen Juden in Abessinien fügen wir noch folgende Notizen an: Erst im Jahre 1867, als England gegen Abessinien kämpfte, ist es der „Alliance isr." in Paris gelungen, den