Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 35 (4.5.1885)
- Date
- 1885-05-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449537--22115-2511774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXVI. Jahrgang. Anlage zu Ur. 35. des Israelit. Leitender Artikel. Der Word des Knaben Gyönllä vor dem Schwur-Gericht. Fortsetzung. tllnbesugter Nachdruck verboten.) Danzig, 24. April 1885. Dritter Tag der Verhandlung. t^egen Ä Uhr Bormitlägs eröffnet der Präsident, l'fliibgcrichls Rath Arndt, wiederum die Sitzung. Der Präsident übergiebt zunächst de»» (Geschworenen je eine Zeichnung von dem Dorse Sture; und dem Fundort des Grmordelen. Anttsvorsreher ((ruft giebt eine genaue Grkiärung von dieser Zeichnung. Außerdem läßt der Präsident den Angettagien hervortrelen, um die Richtigkeit dieser Erklärung zu bestätigen. — GS erscheint alsdann als Zeugin Dienstmädchen GzcchelowSka: Am 21. Januar 1884 sei sie aus einer Hochzeit gewesen und von dieser erst an« r'olgenden Morgen gegen Uhr zurückgetchrl. Gegen Uhr sei sie zur Miethssrau gegangen ilnd habe unterwegs den Briefträger Sturmer gerrojsen. In Gesellschaft desselben sei sie die nach Gzerwinsk führende ('hausier entlang gegangen.;\n der Nähe der Wiese, unter deren Brücke die Leiche des Gubulla gefunden wurde, sei sie einem mittelgroßen starken Manne begegnet, den sie in der Dunkelheit nicht erkennen konnte. GS habe ihr geschienen, als hätte der Mann hohe Stiefeln angehabt und wäre mit einem grauen Pelz bekleidet gewesen. Die Hose»» waren in die Stiefeln gesteckt. Der Mann habe eine Mütze getragen, von welcher 'Beschaffenheit die Mütze gewesen, wisse sie nicht. Das Gesicht des Mannes habe sie nicht sehen tonnen, da derselbe mit dem Kopse gebückt ging, demr er habe aui dem Rücke,» etwas in eitlen, Laken getragen. Was in de,n Laten enthalten gewesen, tvisse sie nicht; sie habe den Briefträger gefragt: was mag wohl der Mann dort schleppen? Der Briefträger habe geantwortet: Laßt ihn scheppen, was er rvolle. Der Mann sei großer als Hern,an» Iosephsohn gewesen, dagegen habe er dem Behrendt an Figur geglichen. - Pros.: Bei der Bernehmung vor dem Anusvorstehrr Gruft haben Sie gesagt : es kann Hermann Iosephsohn gewesen sein. - Zeugin: Damals habe ich das geglaubt, jetzt, nachdem ich mir den Iosephsohn genau angesehen, behaupte ich: Letzterer ist es nicht gewesen. - Präs.: Zu den« Briefträger Stüru,er haben Sie gesagt. Sie hälltN mit Bestimmtheit sofort de» Hermann Iosephsohn erkannt. - Zeugin: Das habe ich nicht gesägt. Am 'Nachmittage, nachdem" der Mord allgemein in, Dorfe bekannt wurde, habe ich meine Wahrnehmungen der Gasiwirthin Lau erzählt und gesagt: Gs ist möglich^ daß es Hermann Iosephsohn gewesen in. Als ich mir jedoch den Letzter,, und den Behrendt genau angesehen, bin ich zu der Meinung gelangt, daß es nicht der erftere, da gegen eher der letztere fein könnte. — Der Präsident läßt die Zeugin hinaustreten, den Angeklagten in ein Nebenzimmer führet, und ruft den Hermann Iosephsohn hinein, der sich den grauen Kuiepeiz, auch die Stieseln, die er zur Zeit getragen, an ziehrn und die Mütze, die er da,nals getragen, ausseven uiuß. Die Zeugin wird alsdann in den Saal gernfen und gefragt: ob es dieser Mann gewesen, dem sie an jenem Morgen begegnet sei. — Die Zeugin behauptet mit Bestimmtheit: Dieser Mann sei es nicht gewesen: dem sie damals begegnet, sei großer und stärker getvesen. Die Zeugin muß wieder hinaustrete» und nun wird dem Angeklagten Behrendt anbefohlen: die Müpe, die Stiefeln und den Pelz, den er damals getragen, anznziehen. D ie Zeugin nieint: so stark und groß kann wohl der Mann gewesen sein; wieder erkennett vermöge sie ihn nicht. — Der Präsident läßt den Behrendt neben Hernlann Iosephsohn treten; danach sieht ,nan, daß Beide gleich groß sind, nur die Schultern des Behrendt sind etwas höher als die des Iosephsohn, in Folge dessen Grstere, großer anssiehl. — Bertheidiger: Rechtsanwalt Thurah: Ich muß konstatiren, daß Iosephsohn stärker als Behrendt ist. — Staatsanwalt: Ich tonn den Beweis sichren, daß Behrendt in der nunmehr säst einjährigen llntrrjnchungshast magerer gelvorden ist. -- Bertheidiger' Gs geht mir soeben ein Brief von einem Arbeiter Grzona aus Kantschenken bei Skurcz zu. In diesem theilt mir Grzona mit: Gr habe mit MankowSki zujaminen gearbeitet. Letzterer habe einmal von seiner Mutter einen Brief erhalten, den er ih»,. vorlesen mußte. In diesem schrieb die Mutter: „Sage nur im Termine genau so, wie wir uns besprochen; Iosephsohn läßt grüßen." (Bewegung im Auditorium.) Ich beantrage, den Grzona als Zeugen zu laden. Der Gerichtshof entspricht diesem Anträge.' Briefträger Stürmer bestätigt die Deposika der Borzeugin; den Man», dem er in Gesellschaft mit der Gzechelowska begegne«, habe er sich aber gar nicht angesehen, er könne daher auch nicht annähernd eine Beschreibung davon geben. Herrmann Iosephsohn habe ihn einige Tage später mit Gigarren und Schnaps tratliren wollet,, er habe jedoch nur eine Gigarre angenommen. Gtwas Ausfälliges habe er in dieser Handlungsweise des Iosephsohn nicht erblickt, denn es sei nichts seltenes, daß ihm in feiner Gigenschaft als Briefträger Gigarren und Schnaps angeboten werden. - Amtsvorsiehrr Grnst: Der Zeuge Stürmer habe ihm, als er ihn vernommen, gesagt: eS sei ihm nnsgefallen, daß Hermann Iosephsohn ihn habe lrakliren wollen. — Gonditor Gehricke: Bor etwa 4 Jahren habe Behrendt gegen eine unverehelichte Fliftheck ein llnsittliches Attentat verüben wollen; einige Zeit darauf sei Behrendt nach Amerika gegangen. — Staatsanwalt: Ich muß bemerken, daß der gegenwärtige Zeuge sich der Beihülfe an der versuchten Nothzuchl schuldig gemacht hat; die 'Auslage dieses Zeugen tvird daher mit größter Borsicht auszilnehmen sein. Aiiilsvorsieher Gruft, dem von dem Mädchen wegen der versuchten Nachzucht Anzeige gemacht worden, hat es nicht für nölhig erachtet, der znftändige,» Staatsanwaltschasl davon Allzeige zu machen, da Behrendt inztvischen „ach Amerika gegangen war. Das betreuende Protokoll ift bei den Akten des Amtsvorsieyers Grnft liegen geblieben und ern wieder zum Borschein getommen, als die gegenwärtige llnlersuchnng gegen Bchrendt eingeleitet wurde. Das Persahren ist jedoch niedergeschlagen worden, da inzwischen die Flischeck nach Amerika ausgewandert war. - Anusvorsteher Gruft bestätigt die Anssnhrungen des Staatsanwalts. — Fleischrrmeister S oletzki (Sture;): Ich habe Broducides wegen unaufhörlich mir Behrendt in Feindschaft gelebt »,ld deshalb wechselseitige Beleidigungsklagen mit demselben gehabt. Bei einem Streite hat der Bruder des Behrendt das Messer gezogen. Behrendt sagte: „Stich doch zu'." In einem Kruge, wo wir einnial zusaminrntrasen, hat Behrendt gedroht, mir die Kaldaunen auszuschlitzen, lieber den Mord selbst I oder über das Perhältniß des Angeklagten zu den» Grn,orderen kann ich nichts bekunden. Der Gemordete har mit Zirgensellen gehandelt. —