Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 33 (27.4.1885)
- Date
- 1885-04-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Beilage zu Ar. 33 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. „Die Leiden der rumänischen Juden und Vorschläge zur Abhilfe ihrer Nothlage" von Dr. Junius. Leipzig. Oscar Leiner. 1885. Verfasser schildert in populärer und zugleich klarer Sprache die Geschichte der Juden in Rumänien seit 1856 und die seit 1866 init nur kurzen Unterbrechungen dauernde Leiden derselben, gibt ein anschauliches Bild ihrer gegenwärtigen traurigen Lage und macht zum Schluffe Vorschläge, wie dieselbe einigermaßen zu mildern sei. Ueber letzteren Punkt spricht er sich folgendermaßen aus: Es fragt sich nun, wie wäre all dem Elende abzuhelfen? Die Frage ist schwer zu beantworten. Soviel ist sicher, die Rumänischen Juden können sich, wie die Sachen jetzt stehen, selber nicht helfen. Seit Jahren kämpfen sie mit dem riesenhaft anwachsenden Elende, seit Jahren ist jeder, der Etwas besitzt, — und die Zahl der Besitzenden ist in Rumänien nicht groß — direct und indirect stark in Anspruch genommen, um die vielen Unglücklichen nicht verhungern zu lassen; die meisten sind moralisch gebrochen und materiell erschöpft; es beginnt eine Art Stumpfheit und Indifferenz für die Leiden Platz zu greifen, wie dies überhaupt der Fall sein muß, wenn man unter immer steigendem Drucke fruchtlos kämpft. Einen Moment dachte man Abhilfe in Unterstützung der Maffenauswanderuug aus Rumänien gesunden zu haben. Es bildeten sich in Jassy, Bukarest, Galatz, Braila Local-Auswanderungscomites, um den über Stacht brodlos gewordenen Hausirern und Handwerkern die Auswanderung zu ermöglichen. Jaffy, als größte jüdische Gemeinde Rumäniens, war am besten constituirt und leistete am meisten. Es wunderten mehrere hundert Familien aus Rumänien nach Amerika, Palästina, England, Türkei, Bulgarien, Serbien, Bosnien und Herzegowina aus, — allein unvorhergesehene Hiudermffe, welche die Amerikanische und andere Regierungen in den Weg legten, Mangel an genügenden Mitteln, Abrathen von Seiten erfahrener ausländischer Freunde zwangen, das Auswanderungs- Comite im Herbste 1884 zu schließen und nach anderen Mitteln zu suchen. Nach reiflicher Erwägung verschiedener Projekte km Vereine mit mehreren Gesinnungsgenossen, scheint das geeignetste Mittel, die Lage der Rumänischen Juden zu bessern im Aushalten und Weiterkämpfen zu )ein; um aber diesen Kamps aufnehmen zu können, müssen wir bedeutende moralische und materielle Hilfe von Seiten unserer ausländischen Freunde haben. Moralisch müßten sie uns helfen, indem sie allen ihren Einfluß aufbieten, um die ausländische Presse aller Länder zu veranlassen, daß selbe sich der Sache der Rumänischen Juden annehme, zu ihren Gunsten eine Preßcampagne eröffne, um ihre jetzige Lage nach allen Richtungen hin zu beleuchten und daS irregeführte Interesse der öffentlichen Meinung für diese Unglücklichen wach zu rufen. Materiell müßten sie uns beistehen, um den vielen Unglücklichen eine neue auf Arbeit basirte Existenz zu gründen; dies könnte in fruchtbringender Weise geschehen, wenn man der Thätigkeit der Rumänischen Juden eine andere Richtung als die bis nun verfolgte zu geben trachtet, indem man sie vom Kleinhandel abzulenken sucht und ihnen neue in Rumänien rentable Arbeitsquellen eröffnet. Runläuien ist ein ausschließlich ackerbautreibendes Land, hat eine im Verhältniß zur Ausdehnung schwache Bevölkerung und großen Mangel an agricolen Arbeitskräften. Die früheren jüdischen Dorfbewohner eignen sich für die Feldarbeit, es fänden sich unter ihnen viele Familien, die dazu bereit und fähig wären. Im vergangenen Jahre wurden Proben augestellt, es arbeiteten jüdische Familien bei der Ernte in mehreren Ortschaften der Districte Falciu, Jassy und Roman, und die Arbeitgeber waren mit ihren Leistungen zufrieden. ' Ein jüdischer Bauernstand würde nicht nur ein glücklicher und lohnender sein, er würde auch noch eine Hauptwaffe den Feinden der Rumänischen Juden entreißen. Diese schreien in allen Tonarten, daß die Juden die schwere Feldarbeit scheuen und nur leichte Arbeit, wie Handel und Gewerbe pflegen. Um aber einen jüdischen Bauernstand gründen zu können, genügt es nicht, sie blos zur Aushülfe Häudearbeit verrichten zu lassen, denn die Ernte dauert nur kurze Zeit im Jahre, und von dem Ver-