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Der Israelit · 1885-04-23 · Heft 32 (23.4.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 32 (23.4.1885)
Date
1885-04-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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523 ganze Stadt nahm Theil an seinem Glücke, denn mit geradezu fürstlicher Muuisicenz hatte er sämmtllche Wohlthätigkeitsanstalten beschenkt , auch die speciell jüdischen, weil, wie es hieß, der Schächter in der israelitischen Gemeinde sein Kind gerettet und erzogen. Der kleine Viktor war plötzlich, ohne daß er eine Ahnung davon hatte, die interessanteste Persönlichkeit der Stadt geworden; selbst der Herzog hatte sich nach ihm erkundigt und den glücklichen Later beglückwünscht. Dieser aber sehnte voll Ungeduld den Tag herbei, an dem er sein Lind in sein eigenes, so lange verödetes Heini werde führen können. Nahezu vier Wochen waren verstrichen, als endlich der Sanitätsrath seine Einwilligung ertheilte. Da er jedoch gesehen, mit welch inniger Zärtlichkeit der Kleine an Denjenigen hing, die er als seine Eltern bettachtete, so ricth er dem Vater, das Kind erst in seinem Hause von seinem Verhältnisse zn ihm in Kenntniß zu setzen. Heiße Thräncn entstürzten Frau Maibaums Augen, als Herr von Königstein ihr mittheilte, daß er am folgenden Tage sein Kind in sein Haus zn fuhren beabsichtige, sie jedoch ersuchte, dem Kinde den Abschied zn erleichtern und ihm nur mitzntheilen, daß er mit Herrn von Konigstcin eine Spazierfahrt machen werde. Schluchzend neigte sic das Haupt, zu sprechen war sie nicht im Stande. Auch Herr von Königstein war tief bewegt, denn innig empfand er, wie unendlich viel er der edlen Frau verdankte, und es schmerzte ihn aufrichtig, daß er gar nichts thun fomite, sich ihr und ihrem Gatten erkenntlich zu zeigen. Denn mit größter Entschiedenheit hatten Beide alle seine Geschenke und seine Anerbietungen znrückgewiesen, und hatten sich nicht bewegen lassen, eine ansehnliche Leibrente, durch die sic ein comfortables Leben hätten führen können, anzunehmen. Einerseits widerstrebte es ihnen, das, wozu ihr Herz sie getrieben hatte, sich bezahlen zu lassen, andererseits erklärte Maibanm; „der Abtrünnige soll nicht sagen: ich habe den Maibaum reich gemacht." „Er wird tagtäglich zu Ihnen kommen," tröstete Herr von Königstein die Weinende „und auch Sie müssen uns fleißig besuchen. Es wäre allzuhart, wenn mein liebes Kind sein liebes Mütterchen nicht täglich sehen würde." ES war in den Vormittagsstunden des folgenden Tages, als ein Diener mit einem großen Karton in das Zimmer trat und mittheilte, daß sein Herr in einer Stunde mit dem Wagen kommen werde und Frau Maibanm ersuchen lasse, dem Kinde beifolgenden Anzug anlegen zu wollen. Die schmerzerfüllte Frau sank in einen Sessel und barg das Antlitz in den Händen. Ihr Kind sollte sie von sich lassen! — ihr Kind! - sie hätte taut aufschreien mögen in namenlosem Wehgefühl. Ihr Gatte trat zu dem Knaben, schloß ihn in seine Arme und fragte, ob er mit Herrn von Kvuigftciii ausfahren wolle. „Fahren?" rief Viktor, indem er seine schonen großen Augen voll Verwunderung noch weiter ansriß - „ich soll fahren? in einem wirklichen Wagen?" „Wenn Dil willst —" „C, wie gern," jauchzte er, die Hände znsammeuschlagend, „das wird schön sein! Das wird schön sein!" Herr Maibaum preßte die Lippen auf einander. - Cb das Kind auch so jubeln würde, wenn cs wüßte, daß es sie für immer verlassen sollte? „Und Pferde werden auch davor sein," plauderte der Kleine munter weiter, „und alle Kinder werden sich wundern, wenn ich in dem schönen Wagen fahren werde. Darf ich nicht mein gutes Nöckchen anziehcn, Mutter?" „Herr von Königstein hat Dir ein neues Rvckchcu geschickt," entgegnete Herr Maibanin, indem er bcu Karton öffnete. Er enthielt einen vollständigen hocheleganten Anzug von violettem Sannut. Viktor jauchzte laut auf. „Den soll ich anziehen? — den? — ach wie schön! wie schön! - Darf ich ihn gleich anziehen, Mutter?" „Es wird Zeit," sagte Herr Maibanm und berührte leise die Schulter seiner Frau. „Soll ich das Kind ankleiden?" „Nein, nein," versetzte sie heftig, „heute darf ich es noch." Glicht ohne Anstrengung erhob sie sich und begann, das jubelnde Kind zu entkleiden, doch so sehr sie nach Fassung rang, sie konnte sich der Thränen nicht vollständig erwehren, und eine siel auf des Knaben Hand. Hastig blickte er zu ihr empor und als er ihr zuckendes, thränenüberflnthetes Antlitz gewahrte, da war seine Freude zu Ellde. „Warullt weinst Dn, liebe Mutter? — liebe, liebe Mutter weine nicht. — Wenn Dn es nicht gerne hast, daß ich ausfahre, so bleibe ich zu Haus — ganz gewiß, soll ich? — Dn hast gewiß Allgst, daß ich herunter falle, wenn die Pferde so schnell laufen — aber ich würde mich schon ganz fest halten. — Aber wenn Du so große Angst hast, mag ich gar nicht fahren — gewiß nicht. Herr von Königstein kann nun allein ausfahren." „Nicht doch, mein gutes Kind, Du kannst nun mit Herrn von Königstein fahren, die liebe Mutter tvird sich nicht fürchten —"

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