Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-04-20 · Heft 31 (20.4.1885) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 31 (20.4.1885)
Date
1885-04-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449533--22025-2511680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Herr von Königstein rannte indessen in maßloser Eile den Weg zurück, den er vor kaum einer Viertelstunde gegangen war. Kopfschüttelnd sahen ihm die Vorübergehende» nach, und gar Mancher wiederholte die Frage, die der Uhrenhändler sich gestellt, denn Herr von Königstein gehörte zu den angesehensten Männern der Residenz. Endlich hatte er Maibaum's Wohnung wiederum erreicht, hastig stieß er die Hausthüre aus, so daß die daran befestigte Glocke weithin tönte und wollte in das Wohnzimmer eklen, als der Hausherr ans demselben ihm entgegentrat. Herr von Königstein schlang seine Arme um ihn und drückte ihn in wilder Heftigkeit an seine Brust. „Wie sott ich Ihnen danken! - Sic haben es gerettet! — mein Kind! — zu ihm! und abermals wollte er in's ätmuier stürzen. Maibaum hielt ihn zurück. „Herr von Königstein —" . „Lassen Sie mich hinein! es ist mein Kind!" - mein Kind!" Ta vernahm man aus dem Innern des Zimmers Viktors lautes herzliches Lachen, und sein Vater übermaunt von nie mehr geahntem Glücke, brach in ein wildes convulssvisches Schluchzen ans. „Mein Kind! mein Kind! „Kommen Sie," sprach Maibanm, seinen Arm ergreifend und ihn in das dem Wohnzimmer gegenüberliegende Zimmer geleitend. „Viktor könnte Sie hören und könnte erschrecken, und der Arzt hat vor jeder Erregung gewarnt. — Was jedoch Ihre Ansprüche aus ihn betrifft, so werden Sie selbst einsehen, daß ich dieselben nicht ohne Weiteres anerkennen kann, wenn ich auch nicht in Abrede stelle, daß wir ihn bei jener Katastrophe, deren Sie vorhin erwähnten, gerettet haben. Aber dadurch ist durchaus noch nicht bewiesen, daß er Ihr Sohn ist. Zwanzig Personen haben damals ihr Leben cingebüßt, wie viele Kinder darunter waren, weiß ich nicht." Herr von Königstein preßte beide Hände an die Stirn. „Es ist niein Kind — kein Zweifel — Seine Wärterin hat zwar behauptet unter den Verunglückten die Leiche meiner Frau und meines Kindes erkannt zu haben, aber beide sollen schrecklich verstümmelt gewesen sein, daher der Irrthum. Als ich heimkam, waren sie bereits beigcsetzt in unserer Familiengruft in 15..." „Die sterblichen Neste von Viktors Mutter ruhen auf dem israelitischen Friedhofe in W...." „Auf dem israelitischen Friedhöfe?" wiederholte Herr von Königstein, indem jähe Nöthe sein Antlitz, überzog. „So ist er vernmthlich nicht Ihr Sohn," sagte Maibaum, „seine sterbende Mutter hat ihn uns wiederholt als Inden bezeichnet." „Er ist dennoch mein Sohn; meine unglückliche Frau hat sich durch unser« Uebertritt stets beunruhigt gefühlt und hat ihn in jener schrecklichen Stunde vermnthlich deßhalb als Juden bezeichnet. Lassen Sie mich zu ihm — ich beschwöre Sie!" Maibaum schüttelte fortwährend das Haupt. „Die Behörde hat mir das Kind übergeben, ohne Befehl der Behörde gebe ich es nicht aus Händen." „Wie? Sie wollten mir das Kind vorenthalten?" „Wenn ich cs könnte, sicherlich. Seine sterbende Mutter hat es mir als Juden bezeichnet; nur gezwungen werde ich es dem Abtrünnigen übergeben." „Sie haben mein Kind gerettet — Ihnen verdanke ich mein höchstes Glück — Ihre Worte können mich daher nicht verletzen. Ich werde mich bei der Behörde als Vater meines Kindes legitimiren und zweifle nicht, daß Sie es mir dann freiwillig überlassen werden." Er griff nach seinem Hute und verließ das Zimmer. Draußen im Eorridor blieb er noch einige Augenblicke lauschend stehen; doch als er des Kindes Stimme nicht mehr vernahm, entfernte er sich. Maibaum begab sich wieder hinüber in das Wohnzimmer. Seine Frau saß dem Kinde gegenüber, eine Näharbeit in den Händen, doch sie ließ die Nadel nicht durch die Leinwand gleiten, ihr Auge starrte in's Leere, und hin und wieder stahl sich eine Thränc über die jetzt so bleichen Wangen. Viktor, noch immer mit seinen Bausteinen beschäftigt, hatte ihre Schweigsamkeit nicht gewahrt. Ihr Gatte trat zu ihr und legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie fuhr zusammen und blickte verstört zu ihm aus. „Er weiß es —" niurmelte sie. Er neigte bejahend das Haupt und zog sie an sich. Ein Strom von Tl/.äneu entstürzte ihren Augen. „Nimm Dich zusammen," flüsterte er, indem er sie an das entgegengesetzte Ende des Zimmers geleitete, „daß das Kind nichts merkt. Ich hoffe, wir werden es noch einige Zeit behalten. Ich habe vorläufig erklärt, daß ich nur auf Anordnung der Behörde es ihm übergeben werde, und daß er sich vor Allem dieser gegenüber als Vater legitimiren müßte. Ich hoffe, das wird nicht so rasch gehen. Und überdies; wird auch der Sanitütsrath nicht zngeben, daß das Kind vor vollständiger Genesung irgend etwas erfährt." Herr Maibaum hatte sich in gewisser Beziehung doch geirrt; rascher als er es für möglich gehalten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.