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Der Israelit · 1885-04-20 · Heft 31 (20.4.1885) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 31 (20.4.1885)
Date
1885-04-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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506 Hcrcttet. (5ine Erzählung von Friedrich Ron. Siebentes Kapitel. Herr van 5iöni^ftcin war seiner Wohnung zngcjchrittcn. Das liebliche Kindergesicht im Maibanm'schcn Hause war beständig vor seinem Angc. Der Kleine hatte Recht, der freundliche Herr, wie er ihn bezcichnete, hatte ihm eine Uhr versprochen und hatte versprochen, den Namen des Knaben darauf graviren zu lassen. Als er jetzt an einem tthrcnladcn vorübcrkam, erinnerte er sich des Versprechens, trat in den Laden und liest sich eine Anzahl Uhren vorlegen. Crr wählte eine hübsche Rcpctirnhr, die, wie er hoffte, dem Gcschmacke des Kindes entsprechen würde. „Aber hier ans den Deckel müssen Sie den Rainen graviren lassen. Viktor Mai- Mai - Wie ist doch der Name des Schächters an der israelitischen Gemeinde?" „Maibanm, gnädiger Herr." „Maibanm — ganz richtig. Also Viktor Maibanm -- hierher wollen Sie es graviren lassen." „Sehr wohl, Herr von Königstcin. Da ist die Uhr wohl für den kleinen Knaben bestimmt, der vorige Woche —" „Er ist von mcinenl Pferde gestoßen worden, ich möchte ihm daher gern eine Freude machen. Es ist ein sanftes, liebliches Kind." „Ein sehr lieber Knabe," sagte der Inhaber des Geschäftes. „Ich bin mit den Maibanm's befreundet und ich versichere, die Leute halten auf das >rind als wäre es ihr eigenes." Wie elektrisirt zuckte .Herr von Königstcin zusammen. „Als wäre es ihr eigenes Kind? " wiederholte er. „Ist eS denn nicht ihr eigenes? —" „Keineswegs. Die Maibanm's haben nur ein einziges Kind, eine Tochter, die schon seit Jahren in W.... verheirathet ist. Bor ungefähr vier Jahren hatten sic diese besucht, und als sie heimkameu, haben sie den kleinen Knaben mitgebracht. Es hatte nämlich auf ihrer Reise ein Unglück stattgesnndcn, zwanzig Personen waren thcils verwundet, theils gelobtet. Unter den Letzteren befand sich die Mutter des kaum einjährigen Kindes. Die Maibanm's sollen es gerettet haben, und als dessen Verwandte nicht zu ernircn waren, haben sie es wie ihr eigenes Kind erzogen." Erdfahle Blässe überzog Herrn von Königsteins Angesicht, ihm war, als stocke sein Herzschlag, nnd doch hätte er laut aufjanchzen mögen in glückseliger Hoffnung. Aber er brachte keinen Laut über seine Lippen, Hals nnd Brust waren ihm wie zngeschnürt. Wenn eS wahr war, was der Uhrcnhändlcr ihm da berichtet, wenn das Kind, das unverkennbar die Inge seiner verstorbenen Gattin trug, wenn cs nicht das Kind Derjenigen war, die cs als Eltern betrachtete — wenn sie es gerettet bei jener Katastrophe, durch die seine Frau ihr Leben verloren — war dann nicht die höchste Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie sein Kind gerettet? — Er hatte sich nnwillkürlich seitwärts gewandt, als wolle er die dort hängenden Pcndülcn betrachten, doch er sah diese nicht einmal. Der Händler aber fuhr fort: „Es must von vermöglichcn Leuten stammen, das Kind. Kleidung und Wäsche waren sehr fein nnd überdiest hielt es in seiner rechten Hand ein Medaillon, das vermnthlich seine Mutter getragen hat. Das Kind hat sich vielleicht daran gehalten, als der Stoß stattfand, es hat das Medaillon eisenfest gehalten. Es war ein sehr kostbares Medaillon, mit Brillanten besetzt." „Auf der einen Leite war ein Monogramm von Brillanten: A. K.?" Herr von Königstein hatte diese Worte mit sichtlicher Anstrengung hcrvorgestoßen. Der Geschäftsinhaber blickte ihn verwundert an. „Hat Frau Maibanm cs Ihnen ailch gezeigt?" „Antworten Sic!" rief Herr von Königstein heftig. „Ein Monogramm in Brillanten, Ä. K., war auf dem Medaillon?" „Run ja, freilich." Ein schriller, unartiknlirter Laut entfuhr den Lippen des Ueberglncklkchen, ohne Grnst stürzte er aus dem Laden, dessen Inhaber ihm voll Staunen nachblickte. „Was war das?" fragte der bedächtige Mann, indem er den Zeigefinger an die Rase legte. „Da geht etwas vor — da geht etwas vor — Entweder spukt es bei dem gnädigen Herrn im Oberstübchen — oder cs spukt nicht bei ihm, nnd dann ist die Geschichte noch interessanter."

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