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Der Israelit · 1885-04-16 · Heft 30 (16.4.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 30 (16.4.1885)
Date
1885-04-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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„Wissen Sie das auch von Seiten Ihrer Frau?" „Wir sind fünfunddreißig Jahre verheirathei, zu Gutem. In dieser Zeit tönme mir die Berwandtschast meiner Frau wohl nach jeder Richtung hin bekannt sein." Herr von Königstein schüttelte den tropf, dann griff er nach dem Medaillon, das an seiner Uhrkette befestigt war. „Als ich mich gestern mit Ihrem Kleinen unterhielt, da war's mir beständig als wäre fein liebliches Gesichtchen mir nicht fremd, doch konnte ich mich nicht entsinnen, an wen es mich mahnte. Als ich jedoch nach Hause kam und mein Auge unwillkürlich auf das Brustbild meiner seligen Frau fiel, da war es mir mit einem Male klar. Urtheilen Sie selbst." Er öffnete das Medaillon und reichte es ihm, und ein Laut des Erstaunens entfuhr Maibaums Lippen; die Aehnlichkeit war in Wirklichkeit frappant. „Ich habe daher," fuhr Herr von Königstein fort, „mit Bestimmtheit vermuthet, daß Sie oder Ihre Frau mit derZFamilie Leffner verwandt seien, denn meine Frau war eine geborene Leffner." „Nein," wiederholte Maibanm entschieden, „die Familie Leffner ist uns vollständig fremd." „Aber Sie finden ebenfalls, daß die Aehnlichkeir Ihres Kindes mit dem Bilde meiner Fran eine auffallende ist?" „Ich kann es nicht in Abrede stellen. — Indessen — ich muß gestehen — ich gebe nicht viel auf Aehnlichkeiten." Er hatte die beiden letzten Sätze rasch gesprochen, säst hervorgestoßen. Dann überzog sich sein ehrliches Gesicht Plötzlich mit lebhaftem Roth. „Wollen Sie mir auch eine Frage gestatten, Herr von Königstein. Wie lange sind Sie Wittwer?" „Seit nahezu vier ein halb Jahren." Die Nöthe in Maibaums Angesicht wich ebenso plötzlich als sie gekommen, er öffnete die Lippen als wolle er sprechen, doch im ersten Moment brachte er keinen Lant hervor. Endlich begann er, doch seine Stimme war mit einem Male seltsam belegt. „Die selige Frau von Königstein ist wohl recht lange krank gewesen?" „Nein," erwiderte Herr von Königstein, schmerzlich seufzend, „meine Frau ist nie krank gewesen, sie ist verunglückt, und mit ihr unser einziges Kind. — Ich war damals genöthigt, eine längere Geschäftsreise zu unternehmen, meine Frau wollte die Zeit meiner Abwesenheit in E.verbringen. Begleitet von unserem dreivierteljährigem Kind und dessen Wärterin, so wie von einem zuverlässigen Diener, trat sie die Reise an. Unterwegs erkrankte die Wärterin und mußte in B. Zurückbleiben. Meine Frau setzte die Reise allein mit dem Kinde und dem Diener fort, doch hat sie das Ziel derselben nimmer erreicht, in W.... fand ein Zulammenstoß statt —" Maibaum stieß einen halbunterdrückten Schrei ans, Herr von Königstein blickte ihn fragend an. „Es war in der Nacht vom 8. auf den 9. November," murmelte Malbaum. „Wie? Sie wissen?" „Ich befand mich mit meiner Frau in demselben Zuge." — Er hatte rasch und flüsterud gesprochen, doch endlich hielt er inne, preßte die Lippen fest auf einander und richtete sich mit einer gewisse» Entschlossenheit stramm auf. „Sie haben vermuthlich damals gehört, daß eine Dame mit einem Kinde unter den Verunglückten sich befand." Maibaum zuckte die Achseln und murmelte einige unverständliche Worte. Herr von Königstein erhob sich. „Sie entschuldigen, daß ich Sie belästigt habe. Ich stehe so ganz allein in der Welt, daß es mir willkommen gewesen wäre, wenn Ihr Kleiner, für den ich mich sehr interessire, einer mir verwandten Familie entsprossen wäre. Grüßen Sie Ihre Frau und Ihr Söhnchen. Adieu!" Er entfernte sich, Maibanm begleitete ihn bis zur Hausthür, doch als diese sich wieder geschlossen hatte, da schlug der mächtig erschütterte Mann beide Hände vor das Gesicht und ächzte laut: „Erist's! —" murmelte, „er ift's! — o meiu Kind! — meiu Kind! — und meine arme, arme Frau! - Und er ist getauft! — Jetzt erst verstehe ich die letzten Worte jener Unglücklichen — Er wird unser braves frommes Kind uns entreißen -- wird es im Abfall erziehen - o mein Gott! - mein Gott! —" Wankenden Schrittes begab er sich in das Zimmer zu Frau und Kind. „Ist Herr von.Königstein schon fortgegangen?" fragte seine Fran. „Wann wird er mir die Uhr schicken?" rief Viktor, „er hat mir eine schöne goldene versprochen, mit meinem Namen darauf." „Um Gotteswillcn, was ist Dir?" rief Frau Maibaum, auf ihren Mann zueilend, der bleich und allem Anscheine nach vollständig erschöpft, aus einen Sessel gesunken war. „Nichts," flüsterte er, „mir ist nichts." „Doch, doch, Dir muß etlvas sein, Du siehst entsetzlich aus."

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